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Die Gesellschaft, vertreten durch ihre Behörden, spricht von ihrer Fürsorge. Das Gesetz sorgt für sich, für die Gesellschaft, für die Satten, damit die Opfer ihrer Tyrannis ihnen nicht nahe an den Leib rücken. Ihre "Fürsorge" ist Polizistenhumanität! Ist "Vorsorge"! Sie treiben "Fürsorge", d.h. treffen Vorsorge, dass ihre Türme nicht umfliegen, durch die sie aus der irdischen Welt eine einzige große Kaserne machen.
Die tugendfreien Spießer sprechen von den Vagabunden als einem arbeitsscheuen Gesindel. Was weiß diese Gesellschaft vom Weg und Ziel der Landstraße?
Am Anfang jeden wesentlichen Werkes steht die Erkenntnis von den Dingen. Die Kunde, der Vagabund aber ist es, der auszieht, sie zu bringen! Seine Aufgabe ist in dieser Welt nicht die spießbürgerliche Arbeit. Diese Arbeit wäre Mithilfe zur weiteren Versklavung, wäre Arbeit an der bürgerlichen Hölle! Sklavendienst zum Schutze und zur Erhaltung der Unterdrücker! Der Kunde, revolutionärer als Kämpfer, hat die volle Entscheidung getroffen:
Generalstreik das Leben lang! Lebenslänglich Generalstreik!
Nur durch einen solchen Generalstreik ist es möglich, die kapitalistische, "christlich" kerkerbauende Gesellschaft ins Wackeln, ins Wanken, zu Fall zu bringen!
Aufruf Kongress der Vagabunden 1929 Stuttgart
Quelle: Künstlerhaus Bethanien (Hrsg): Wohnsitz: Nirgendwo – Vom Leben und vom Überleben auf der Strasse, Verlag Fröhlich und Kaufmann, Berlin 1982 |
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Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 14. Dezember 2010 um 15:03 Uhr |
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vergleiche auch: de.wikipedia.org/wiki/Jo_Mihaly Jo Mihaly, geboren am 25.04.1902 in Schneidemühl, Pommern (heute Piła, Polen), gestorben 29. März 1989 in Seeshaupt, Bayern, nach anderen Angaben in Ascona, Tessin, Schweiz) war eine Tänzerin, Schauspielerin, Dichterin und Autorin. Biografie Sie wurde 1902 als Elfriede Alice Kuhr geboren, absolvierte eine Ausbildung im klassischen Tanz und wurde Mitglied des Haas-Heye-Balletts Berlin. Von 1923-25 machte sie Tourneen in Deutschland, Auftritte in Varietes und im Zirkus. An der Volksbühne lernte sie den Schauspieler und Regisseur Leonard Steckel kennen, den sie 1927 heiratete. Mit ihm zusammen wohnte sie zeitweilig in der Berliner Künstlerkolonie. 1928-33 trat sie als Solotänzerin mit eigenen, sozialkritischen Programm auf, u.a. "Die Verfolgung der Juden" und "Vision des Krieges". Seit 1927 schrieb sie Gedichte und hatte erste Veröffentlichungen in der von Gregor Gog und der Bruderschaft der Vagabunden herausgebenen Zeitschrift "Der Kunde". In der Weimarer Republik führte sie erst selbst ein Vagantenleben und bündelte ihre Erfahrungen 1929 in der "Ballade vom Elend", einem Liederbuch in der Tradition eines Villon oder Erich Mühsam. Politisch engagierte sie sich besonders für die Rechte der Sinti u. Roma. 1931-33 war sie Mitglied der "Rote Gewerkschafts-Opposition", der "Rote Hilfe" und des "Freidenkerbundes". 1933 wird ihre Tochter Anja (Anja Ott, Schauspielerin) geboren. 1933 emigrierte sie mit ihrem Mann in die Schweiz und lebte bis 1949 in Zürich. Sie veröffentlichte Feuilletons und Artikel unter Pseudonymen in Schweizer Zeitungen und trat weiter als Tänzerin und Sängerin auf. Mihaly engagierte sich weiter für Flüchtlinge und hatte Kontakt zu Widerstandsgruppen in Deutschland. 1943 wurde sie Mitgründerin und Vorsitzende der Kulturgesellschaft der Emigranten innerhalb der israelischen Flüchtlingshilfe in Zürich. Weiterhin war sie Mitgründerin der Freien Deutschen Bewegung in der Schweiz. 1945 wurde sie Gründerin und Sekretärin des SDS. Von Oktober 1945 bis Juli 1946 arbeitete sie in Frankfurt/M., wurde von den US-Behörden aber an der Rückkehr in die Schweiz gehindert. Sie gründete die Freie Deutsche Kulturgesellschaft in Frankfurt/M. und war Mitglied der dortigen städtischen Kulturkommission. Ab 1949 arbeitete sie als freie Schriftstellerin in Ascona; schrieb Romane, Erzählungen, Gedichte und Jugendbücher. Landstraße Jo Mihaly hat in den 20er Jahren einige Zeit auf der Straße unter Wohnungslosen verbracht, viele ihrer Werke belegen ihre Nähe zu Menschen auf der Straße, wie nachstehendes Beispiel zeigt: - Ich bin in die Ferne gewandert,
- so weit der Himmel reicht-
- ich habe in manchen Spelunken
- mein Quantum Verstand vertrunken
- und mich wieder nüchtern geküsst …
- … Die Straße ist ein Meister
- mit Hammer, Stichel und Stein -
- sie grub in meine Visage
- die ganze große Blamage
- bewundernswert hinein.
- denkt mal drüber nach
Auszeichnungen Ehrenpreis der Stadt Zürich Bibliografie - Auch wenn es Nacht ist : Roman/ Jo Mihaly. - Hürth bei Köln [u.a.] : Ed. Memoria, 2002
- Gesucht: Stepan Varesku : Roman/ Jo Mihaly. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1989
- Wer ist der Dieb : eine Schuldfrage/ Jo Mihaly. - Stäfa : Buchdruckerei, 1988
- ... Da gibt's ein Wiedersehn! : Kriegstagebuch e. Mädchens 1914 - 1918/ Jo Mihaly. - Ungekürzte Ausg. - München : Deutscher Taschenbuch-Verl, 1986
- Drei Weihnachtsgeschichten : mit biograph. Notizen u. Werkverz. im Anh./ Jo Mihaly. - [Stäfa] : Buchdruckerei Stäfa, 1984
- ... da gibt's ein Wiedersehn! : Kriegstagebuch eines Mädchens, 1914-1918/ Jo Mihaly. - Freiburg : Kerle, 1982
- Was die alte Anna Petrowna erzählt : Geschichten aus Russland/ Jo Mihaly. - 11. - 15. Tsd. - Heilbronn : Salzer, 1975
- Gib mir noch Zeit zu lieben : Weihnachtserzählungen/ Jo Mihaly. - 11.-15. Tsd. - Heilbronn : Salzer, 1974
- Der verzauberte Hase : 2 Tier-Erzählungen/ Jo Mihaly. - Heilbronn : Salzer, 1971
- Bedenke, Mensch.../ Jo Mihaly. - Winterthur : Gemsberg-Verl., 1958
- Hüter des Bruders, Roman (Zürich 1942),
- Bedenke, Mensch; mit 25 Photographien barocker Darstellungen des Todes; Gemsberg Verlag, Winterthur; 78 S.
- Michael Arpad und sein Kind
Nachlass Ein kleiner Teil des Nachlasses von Jo Mihaly befindet sich in der Walter-A.-Berendsohn-Forschungsstelle für deutsche Exilliteratur[1] an der Universität Hamburg [2]. Ein umfangreicherer Teil des Nachlasses befindet sich bei Thomas B. Schumann, der in seinem Kölner Kleinverlag Edition Memoria auch Mihalys Roman "Wenn es Nacht wird" im Jahr 2002 publiziert hat.[3] Literatur - Eine politische Dichterin des Tanzes: Jo Mihaly, in: Amelie Soyka (Hg.): Tanzen und tanzen und nichts als tanzen. Tänzerinnen der Modernen von Josephine Baker bis Mary Wigman, Berlin: Aviva 2004, S. 38-151.
- Petra Josting: ‚Zigeuner‘ in der Kinder- und Jugendliteratur der Weimarer Republik am Beispiel von Jo Mihalys ‚Michael Arpad und sein Kind. Ein Kinderschicksal auf der Landstraße’ (1930). In: Petra Josting/Walter Fähnders (Ed.): „Laboratorium Vielseitigkeit“. Zur Literatur der Weimarer Republik. Festschrift für Helga Karrenbrock zum 60. Geburtstag. Bielefeld: Aisthesis, 2005 ISBN 3-89528-546-3
- Wohnsitz: Nirgendwo: Vom Leben und Überleben auf der Strasse. - Hrsg. vom Künstlerhaus Bethanien. - 1. Aufl. - Berlin: Frölich & Kaufmann GmbH, 1982
Einzelnachweise - ↑ [Eintrag in der Generalliste der Forschungsstelle]
- ↑ [|Übersicht des Nachlasses von Jo Mihaly am der Walter-A.-Berendsohn-Forschungsstelle für deutsche Exilliteratur]
- ↑ Hinweis zu Thomas B. Schumann
Weblinks |
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Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 18. Mai 2008 um 10:07 Uhr |
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Für Jo Mihaly mit einem herzlichen Gruss
Ich bin der Wind der über Felder weht, der hier sich verfängt und dort mal stille steht... und wieder weiter weht.
Ich bin die Wolke die über Wälder zieht, die der Sturmwind peitscht und die im Abend glüht... und wieder weiter zieht.
Ich bin der Fluß der über Ufer schäumt, der Ernten zerstört und in der Sonne träumt... in wieder weiter schäumt.
Ich bin der Mensch der ohne Maß und Ziel sein Leben verbraucht, und der dem Segen einhaucht, was dem Fluch verfiel...
aus: Klaus Trappmann: Landstrasse, Kunde, Vagabund. Berlin 1980, S. 270.
Informationen über Helmut Klose |
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Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 11. Dezember 2010 um 19:36 Uhr |
Der Tod von "Mause-Paul" - Beliebt, oft geschlagen
Jörg Reckmann | © DIE ZEIT, 02.05.1980 Nr. 19 Berlin Verachtet und gemieden, als er noch lebte, dazu oft geschlagen und immer wieder festgenommen, fand der Berliner Stadtstreicher Paul Sanow plötzlich Beachtung, als er völlig, entkräftet in ein Krankenhaus eingeliefert wurde und dort starb. Er fand Beachtung, nicht weil sein Sterben irgendwie ungewöhnlich gewesen wäre, sondern weil ein Geistlicher die Menschenverachtuag nicht einfach hinnehmen wollte, deren Opfer Sanow, seiner Meinung nach, geworden war. In einer provozierenden Todesanzeige formulierte Pfarrer Gundolf Herz sein Unbehagen so: Am 15. März 1980 verstarb Paul Sanöw, genannt Mause-Paul, im Alter von 54 Jahren. Er lebte seit rund 25 Jahren am Bahnhof Zoo. Er war beliebt und wurde oft geschlagen. Nach seiner 33. Verurteilung wegen Hausfriedensbruchs hat er nun eine Heimat gefunden. Viele haben zu seinem Tod beigetragen." Pfarrer Herz, lange Jahre selbst in der Obdachlosenhilfe tätig, setzte schließlich auch durch, daß Mause-Paul ein ordentliches Begräbnis erhielt und nicht, wie in solchen Fällen üblich, anonym beigesetzt wurde. Einen Monat nach seinem Tod versammelten sich die Kumpel vom Bahnhof Zoo, Sozialarbeiter und Neugierige auf dem Friedhof Ruheleben, um Sanow zu begraben. „Als Paul noch lebte", wunderte sich denn auch einer seiner Kumpanen, „hat sich keiner um ihn gekümmert. Wo kommen jetzt bloß die vielen Leute her?" Neben den -Trauergästen waren zwei Fernsehteams erschienen, und auch die Berliner Zeitungen wollten sich das Schauspiel nicht entgehen lassen, denn nach gängigen journalistischen Regeln ist vor allem das Spektakuläre berichtenswert. Und daß jemand Schnaps in ein offenes Grab schüttet, kommt nun mal nicht alle Tage vor. Mit dem alltäglichen Leid der Menschen hingegen tun sich die Medien oft weit schwerer. Wenig ist über Paul Sanows Leben bekannt, ehe er vor rund 25 Jahren den Bahnhof Zoo zu seiner Heimat machte. Als gelernter Bäcker und Konditor hatte er durchaus einmal eine sogenannte „bürgerliche" Existenz, einen ordentlichen Beruf, aber nach dem Tode seiner Frau muß er irgendwann den Boden unter den Füßen verloren haben, und aus dem Bäcker Paul Sanow wurde der Bahnhofspenner Mause-Paul. öfter soll er auf dem Bahnsteig darauf gewartet haben, daß ihn seine Tochter mit den Enkelkindern besuchen kommt. Er wartete vergeblich, und es ist nicht einmal sicher, ob die kleine Familie, die er da erwartete, mehr war als nur ein Traum. „Geprügelt und geschlagen*, sag«! ,'Pfarrer Herz in seiner Trauerrede, „wurde er nicht nur von den angetrunkenen Gefährten, sondern auch im Rahmen, der Anwendung .unmittelbaren Zwanges', wie das so schön im Amtsdeutsch heißt." Denn immer wieder wurde er von der Polizei aus dem Bahnhofsbereich entfernt, die Anwesenheit von Obdachlosen ist dort unerwünscht. Was man ihm vorwarf war Hausfriedensbruch. Aber wo hätte er hingehen sollen? Trotz jahrelanger Bemühungen fehlt in Bahnhofsnähe eine Beratungsstelle, fehlen Übernachtungsmöglichkeiten für Menschen wie Paul Sanow, die nicht wissen wohin. So bleiben nur die Bahnhofstoiletten als Schlafplätze. Für Pfarrer Herz ist es schwer begreiflich, „wie juristisch geschulte Menschen, die doch auch ein Herz im Leibe haben, dazu kommen können, Anzeigen zu verfolgen, die ein erneutes Tieferhineinstoßen ins Elend bedeuten, einen Akt der strukturellen Gewaltanwendung gegen wehrlose Menschen." Bedenklich erscheint ihm auch, daß im Dikkicht der Behördenzuständigkeit die Versuche, eine verantwortungsvolle Sozialarbeit zu betreiben, immer wieder steckenbleiben, daß, obwohl Mittel zur Verfügung stehen, der hinhaltende Widerstand verschiedener Ämter die Aufnahme der Arbeit verhindert. Pfarrer Herz nahm bei dieser bitteren Beschwerde auch die eigene Kirche nicht aus. „Dabei", so sagte er, „ist die Zurückhaltung den Obdachlosen gegenüber nachvollziehbar", auch er habe Schwierigkeiten, Menschen wie Mause-Paul unbefangen zu begegnen. Und er frage sich, ob er selbst, seine „Kräfte und Fähigkeiten immer an der richtigen Stelle und nachdrücklich genug" eingesetzt habe. Er forderte: deshalb die Trauergäste auf, ihre eigene Einstellung zu den Menschen zu überprüfen, die nicht von vornherein geachtet sind* und er bat, Paragraphen nicht formal auszulegen, sondern nach ihrer menschlichen Anwendung zu fragen. Im Anschluß an diese Predigt, die immer wieder von Zwischenrufen unterbrochen wurde, ließ Pfarrer Herz für Mause-Pauls Grabstein sammeln. Am folgenden Tag berichtete die BZ in einem groß aufgemachten Bericht von der Beerdigung, dabei wurde behauptet, daß das eingesammelte Geld für den Ankauf von Heroin verwandt worden sei. Pfarrer Herz empörte sich und versicherte, den gesamten Betrag erhalten zu haben. Drei Tage später setzte die BZ ihre Berichterstattung mit dem offenen Brief eines Kriminalbeamten fort. „Herr Pastor", heißt es da, „Sie fordern Obdach für Nichtseßhafte am Bahnhof Zoo. Warum helfen Sie nicht? öffnen Sie Ihre Büros und Ihre Kirche. Nehmen Sie es dort hin, daß man sich in allen Ecken erbricht und uriniert. Wirklich Obdachlose finden immer ein Dach über dem Kopf. Es kann aber nicht hingenommen werden, daß sich Alkoholiker, Räuber und Diebe im Bahnhof Zoo einnisten. Herr Pfarrer! Mause-Paul ist gestorben, weil die, die ihm helfen wollten, nur leere Worte für ihn hatten. Hilfe gaben sie ihm nicht. Herr Pfarrer! Reden Sie nicht so viel, handeln Sie!" Eine Aufforderung, die wohl eher an andere als an Pfarrer Herz allein gerichtet sein sollte. Jörg Reckmann http://www.zeit.de/1980/19/Beliebt-oft-geschlagen?page=all |
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