Warum Jonny G. Rieger? - In den Gesprächen auf der Straße mit Wohnungslosen konnte ich den Satz gelegentlich hören: "Was ich alles erlebt habe, darüber könnte man ein Buch schreiben!" Es bleiben in der Regel ungeschriebene Bücher. Bei genauerem Hinsehen sind es nicht wenige, die über ihr Leben auf der Straße geschrieben haben. Einer von ihnen ist Jonny Rieger.

1908 in Berlin-Wedding geboren, kommt mit Kriegsbeginn 1914 in die Schule, "ewiger Kampf gegen kriegsverrückte Lehrer", danach Ausbildung als Metallbildhauer "im Grunde ein feiner Beruf", anschließend arbeitslos, seit 1926/27 auf der Straße. Reiste 1931 als Reporter der 'Arbeiter Illustrierten Zeitung' um die Welt, arbeitete in verschiedenen Berufen. Emigriert 1932 über Frankreich, Spanien, Luxemburg, Holland und Schweden nach Dänemark: Lebt dort bis zu seinem Tod 1985. Artikel, Reiseberichte, Erzählungen und Romane in deutscher und dänischer Sprache.

Gregor Gog schreibt über ihn:

"Ein armer Schlucker von Landstreicher war er, der an keinem Morgen weiss, wo ihn die kommende Nacht vervirgt. Gesetz war ihm ein Stück Brot für den Tag; im übrigen: Augen auf! Die Tage umblättern wie die Seiten eines Buches und kein Wort verlieren von dem, was das Leben jeden Tag neu in dieses Buch hineinschreibt. Schön war die Erde! Und schön war das Leben! Aber die Menschen hausten darin wie Verrückte in einer Irrenanstalt. Wer - alle? Wer waren die Architekten dieser Irrenanstalt? Dieselben, die Hunderttausende und Millionen Menschen auf die Strasse spucken wie - wie Rotz? Augen auf, Jonny! Das muss man auskundschaften! Jung war er, anfangs der Zwanziger; dreimal waren wir uns seither begegnet. Die gierigen Augen sagten: "Ich fress dich." Aber das war nicht so schlimm gemeint. Der da ein- und zweimal vor mir sass, konnte noch lachen wie ein Junge. In der Rocktasche trug er, statt Brot, Gedichte. Worte und Sätze standen da, die wie helle Hammerschläge an ein verriegeltes Tor klopften: "Aufgemacht!""

Hier gehts zur Bibliografie und hier zum Nachlaßverzeichnis.

Jonny Rieger sagt von sich selbst:

"Als ich achtzehn bin, brechen Wandertrieb und der ewige, ungestillte Hunger nach dem Leben endgültig und unaufhaltsam durch-: Vagabund, Landstraße.

Wieder und wieder Landstraße. Der Beruf taugt nichts. Nicht eine Brotkrume ist er wert, trotz dem Prüfungsprädikat "Sehr gut", trotz dem "Preussischen Staatspreis" bei einer Ausstellung von Berufsarbeiten, trotz dringenden Empfehlungen an die Akademie der Künste. Alles einen Dreck wert. Das Kunsthandwerk verludert - die Werkstätten wurden geschlossen. K-r-i-s-e! K-r-i-s-e! Also: immer nur Gelegenheitsarbeit. Immer wieder Arbeitslosigkeit, immer wieder Hunger, Mittellosigkeit, Obdachlosigkeit, Bettler, Vagabund. Und weiter, immer weiter unterwegs: Hunger nach Brot und nach dem Leben dieser Welt. Und so viel gemordete Sehnsucht und Liebe...

So - so wars; und alles das war ich. Und dabei habe ich gelesen und gelernt, gelernt und gelesen und aus der Überlast des Erlebens zu begonnen: Artikel, Skizzen, Reportagen, Kurzgeschichten, Novellen. Nicht viel; sehr langsam, sehr wenig, sehr sparsam und kritisch."

Und ein Rezensent urteilt über Riegers Roman "Mein Leben gehört mir!":

Im Unterschied zu zahllosen Romanen, die zuerst ermüden und dann langweilen, beginnt Riegers autobiographischer Roman zugegeben etwas schleppend, vermag aber zunehmend den Leser zu fesseln. Ich empfehle dieses Buch: Die dort gestellten Fragen, die dort geschilderte Auseinandersetzung haben nichts an Aktualität verloren.

Er beschreibt, was er erlebt, sieht und wahrnimmt, was er tut und was ihm passiert, er sagt, was er denkt, was ihn bewegt und was ihn verfolgt und ihm Angst macht. Seine unspektakuläre, klare, ungekünstelte Sprache ohne gewährt Einblicke in die ganze Komplexität seines Innenlebens, seiner Gefühls- und Gedankenwelt, den Beweggründen seines Unterwegsseins im Niemandsland. Sentimentalitäten oder romantische Verklärungen des Lebens auf der Straße kommen erst gar nicht auf.

Es ist eine echte Alternative zu den zahlreichen Produkten auf dem literarischen Markt, bei denen die Autoren sich in eine ihnen fremde Realität hineinschummeln, um ihr schriftstellerisches Gestümper mit dem billigen Schein gelebter Autentizität zu vergolden. Ganz anders Rieger: Indem er über sein Leben auf der Straße schreibt, wird er damit fertig - ohne je damit fertig zu sein. Bei alledem bleibt Rieger unbequem, und das beschreibt die Faszination, den dieses Buch ausübt:

"unsere Welten waren so verschieden. Ich watete im Morast herum, und er schwebte über den Wassern. Wenn ich zu dem realen Grund der Dinge kam, dann kletterte er schon wieder auf einer Himmelsleiter in überirdischen Dimensionen herum. Ich holte ihn wieder herunter, und alles begann von vorn. Alles bekam einen tieferen Untergrund oder einen höheren Übersinn, wenn er es betrachtete. Wenn ich vom Hunger sprach, meinte ich den Hunger. Er meinte - "ein Stadium harter Prüfungen, die erlösenden Einfluß auf die geistige Durchdringung ausübten, um die ethischen Fähigkeiten des Menschen fördernd zu durchdringen."

Er beschreibt, was Wohnen auch sein kann: Der Tod auf Raten in den eigenen 4 Wänden. Es ist ja so: Was wir von den sog. "Betroffenen" erwarten, sind Einblicke in die Lebenssituation - wie es wirklich ist - und wie "es dazu kam". Jonny Rieger fasziniert, weil er sich gegen jedes Schema stellt:

"Mein Leben gehört mir - und niemand soll darüber bestimmen, sich da reinmischen oder darin rumpfuschen, keiner dieser Kerle mit oder ohne Uniform, kein Staat, kein Gott. Unser Schicksal gab uns keinen Kredit. Wir gerieten ins Niemandsland der Kastenlosen. Wir wurden Parias, heimatlose Nomaden und vaterlandslose Rebellen."

Im Zeitalter der Computergesellschaft wird genau das Thema des Nomadentums wieder thematisiert: Das kann kein Zufall sein! Und genau aus diesem Grund - so meine These - ist Rieger aktueller als jemals zuvor.

Wer mehr über Jonny Rieger wissen möchte, sollte in diesen WWW-Seiten nachschauen. Wer es etwas sinnlicher möchte, kann im Ausstellungskatalog zu "Wohnsitz: Nirgendwo" nachschlagen. Dort finden sich auch noch Abbildungen einiger seiner Artikel und Fotos. Und hier sollte es demnächst auch mehr geben...

Berlin, Januar 2008,
stefan schneider



Jonny G. Rieger: Ecke Hongkong-Road. Geschrieben 1936 | Drucken |
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Immer ist dein Gesicht da, Chen-Li — immer, wenn ich an Schanghai denke: Du hebst deinen Kopf aus dem Dunkel und versuchst zu lächeln. Und plötzlich öffnest du deinen Mund ganz weit, als ob du schreien wolltest. Aber dein Mund bleibt stumm, ein gräßliches Loch mit gelben Stummelzähnen. Und aus diesem Loch beginnt Blut zu quellen. Unaufhörlich — ein Strom von Blut! Dann senkt sich dein Kopf wieder, und ich sehe nur noch die blanke Rundung deines Kahlschädels ...

Wenn ich gegen Morgen nach Hause kam, traf ich dich immer. In einer schmutzigen Ecke meines Treppenflurs pflegtest du zu schlafen. Es war ein großes Departement-Haus, und der Portier warf dich oft hinaus, wenn du ihn nicht mit ein paar Kupfer bestechen konntest. Doch du fandest immer wieder einen Weg, dich einzuschleichen. Ihr kämpftet einen erbitterten Kampf. Was solltest du schließlich auch tun? Ein alter Rikscha-Kuli bringt es in seinem ganzen Leben nicht mehr zu einem Bett. Und in der Rikscha konntest du nicht schlafen. Du hattest sie nur geliehen, zwölf Stunden täglich, von einem japanischen Unternehmer. In diesen zwölf Stunden ranntest du durch die brüllende Stadt, durch das unbarmherzige Schanghai, um vielleicht eine Schale billigen Nanking-Reis oder stockige Sojabohnen zu erjagen. Geschlagen haben dich die Agenten des Unternehmers, wenn du die Karre auch nur eine einzige Minute zu spät abliefertest. Du sprachst ja so wenig zu mir. Auch wenn ich versuchte, deine mühseligen Pidgin-Brocken durch einige Cash aus dir herauszuangeln. Du träumtest lieber. Und vielleicht hattest du recht. Sicher waren deine Träume schöner als der ganze Rest deines Lebens. Nein, ganz bestimmt sogar.

Denn als ich einmal nach deinen Träumen fragte, wurdest du sogleich gesprächiger. Von deiner Jugend erzähltest du, von deiner armseligen Jugend. Und doch habt ihr damals noch Zeit gefunden, Würfel zu spielen und die alten Lieder Li-Tai-Pes zu singen. Von den längst verwehten Düften der Mandelblüte, von glührot blühenden Azaleen und herbem Geruch der Teebüsche träumtest du im Dunkel einer stinkenden Treppe der Nachtweltstadt. Von uralten Pagoden und dem silbernen Klang des Gongs im Kwan-yin-Tempel konntest du fabulieren — bis der Portier kam und dich mit einem Fußtritt auf die regennasse Straße beförderte. Du berauschtest dich an Erinnerungen, an der längst verklungenen Vergangenheit deines Lebens, an einer Wirklichkeit, die es nicht mehr gab. Du dachtest sogar in kühnen Augenblicken an eine Zeit, in der du noch lachen konntest. Aber wenn der Pestgestank von Schweiß und Knoblauch übermächtig aus deinem speckigen Kittel kroch und deine Träume sterben ließ, standest du plötzlich schweigend auf. Du gingst stumm davon und ließest mich stehen. Es sah aus, als wolltest du die vielen lausend Li zu deinem Heimatdorf zurückgehen — und deine verlorene Jugend auf den ausgetretenen Lehmstraßen wiedersuchen. Doch du gingst nur hinüber zur Japon Concession, um deine Rikscha für neue zwölf Stunden auszumieten. Weit von dir schlummerten die Pagoden, die Kwan-yin und die alten Lieder. Sie schlummerten still und unerreichbar. Draußen brüllte Schanghai, tobte und schrie die Hölle, in der die verhaßten weißen und die Japaner-Teufel herrschen. Draußen klatschten unaufhörlich die nackten Fußsohlen der Rikscha-Kulis über den Asphalt. Das war die Welt, die dich erwartete: der Duft der Verwesung, die glührot blühenden Verkehrsampeln und der herbe Geruch des von der Sonnenglut geschmolzenen Asphalts. Die uralten Gesetze eures grausamen Lebens: der Kampf um die tägliche Schale Reis. Und das silberne Lachen der reichen Ladys, die du in deiner Rikscha zu den Dancings karrtest. Ich glaube dich verstanden zu haben, Chen-Li, als du mir einmal sagtest: "Ein alter Gaul schlägt nicht mehr aus, Herr. So müde und zerschlagen kann man nur noch träumen. Und selbst das fällt oft schon recht schwer ..."

Du fordertest gewiß nicht viel von diesem Leben, Chen-Li. Aber selbst das war zuviel für Schanghai. In dieser Stadt kann man nicht träumen, Chen-Li, ohne gefressen zu werden. Du hast es erfahren müssen.

An einem schreiend blauen Julilage war es. Schanghai dampfte und zitterte vor Sonnenglut. Das Fieber schüttelte die Menschen, warf sie nieder und ließ sie verenden wie Straßenhunde an der Räude. Die Reichen flüchteten in die kühlen Berge, hinauf nach Ku-ling. Ich sehe es noch ganz deutlich, wie du mit deiner Rikscha von der Szechuan-Road scharf in die Hongkong-Road einbogst. Dein weitgeöffneter Mund schluckte nach Luft ...

Für Chen-Li aber war keine Luft mehr in Schanghai.

Deine Augen sahen die Hongkong-Road wie einen steil in den glasigen Himmel führenden Berg. Du rissest nochmals den Mund auf. Krampfhaft weit. Als ob du etwas herausschreien wolltest ... nur das klappernde Röcheln deiner endgültig verbrauchten Lungen wolltest du wohl herauspressen, Chen-Li. Aber es langte nicht mehr. Dein rechtes Knie zog sich hoch an den Leib. Die Rikscha war noch in vollem Schwung. Sie stieß nach. Genau in deinen alten, mürben Rücken. Du stolpertest, schlugst vornüber auf die splitternde Holzgabel deines Wagens — und fielst platt mit dem Gesicht auf das graue Straßenband. Um Handbreite hast du noch einmal den Kopf gehoben: aus Nase und Mund brach Blut hervor.

Aus deiner Rikscha aber kletterte grausam fluchend ein eleganter weißer Mann im Sportanzug und hob die Hand. Nicht deinetwegen — fünf andere Rikscha-Kulis sprangen zu gleicher Zeit mit ihren Wagen auf dieses Zeichen heran. Der Weiße bestieg einen der Karren, schaute nervös auf seine Uhr und fuhr davon. Für ihn war es einzig ein zeitraubender Zwischenfall. Es sterben täglich Kulis in den Straßen von Schanghai. Wer hält sich damit auf? Der Mann dachte wahrscheinlich gar nicht mal daran. Er sah aus, als ob es etwas Wichtigeres zu überdenken hatte, als den Sturz eines Kulis — vielleicht den Sturz seiner Aktien; er würde es überhaupt nicht begriffen haben, wenn man ihn deshalb als roh oder brutal bezeichnet hätte.

Chen-Li — du aber stemmtest deinen rechten, einknickenden Arm gegen den Rinnstein. Deine Hand hielt noch das Tuch fest umkrampft, mit dem du während des Laufes den Schweiß aus deinem Gesicht wischtest ...

Wohl zwei Dutzend Menschen sahen dich fallen. Sie wandten nicht einmal den Kopf. Nur einige Kulis blieben stehen, in respektvollem Abstand. Sie berührten dich nicht. Sie wollten nichts damit zu tun haben. Wegen der Polizei, und weil doch in Schanghai nun einmal Menschen sterben müssen, damit andere einen Tag länger leben können. Eine bittere Wahrheit ist das: je mehr sterben, desto mehr haben die übrigen eine Chance zu leben. Auch du wußtest das, Chen-Li, du kanntest das unmenschliche, ungeschriebene Gesetz eures Riesenlandes: Millionen müssen sterben, weil sie nicht leben können. Nicht weil sie alt sind oder krank, nicht einmal das. Nein. Chen-Li, weil die vierhundertzwanzig Millionen eures Volkes keinen Reis mehr finden, ihren rasenden Hunger zu stillen. Weil die Gewalt, die Habgier und die schreiende Ungerechtigkeit triumphieren, darum wollten die Kulis auch nur sehen, ob du wirklich stirbst. Wie du es machst.

Wie Chen-Li stirbt, wollten sie sehen.

Dein Gesicht wurde wieder vollkommen ausgeglichen und ruhig. Du schriest nicht, du weintest nicht, du verzogst keinen Muskel mehr. Nur deine Lippen brachen ein klein wenig auseinander. Die Kulis kehrten sich wieder ab: du warst nicht anders verreckt als alle anderen.

Und ich stand immer noch überflüssig und sinnlos da. Du aber warst gegangen, Chen-Li, den Weg der vielen tausend Li zu deinen Träumen ...

In einen Wagen haben sie deinen Leichnam geworfen, zu einem halben Dutzend anderen. Der Asphalt sog die Blutlache ein, und die Sonne versuchte sie ihm wieder auszubrennen. Nur ein dunkler rostroter Fleck klebte nach zwei Stunden noch an der Ecke Hongkong-Road.

An diesem Abend saß ein anderer Kuli in deiner Flurecke. Ganz selbstverständlich, als hätte er nur auf deinen Tod gewartet, um deine Schlafstelle einnehmen zu können. Er nannte sich Feng.

"Kanntest du Chen-Li?" fragte ich ihn.

Feng nickte zusagend und lächelte höflich. Sicher kannte er dich nicht. Aber er kannte die glotzäugigen und langnasigen weißen Teufel; er hatte gelernt, niemals nein zu sagen, wenn sie eine Frage stellen.

Ich gab ihm einen halben Dollar und sagte, daß er dafür Räucherkerzen kaufen solle. Im Tempel sollte er sie für dich brennen, Chen-Li, damit deine arme, ausgewrungene Seele nicht im Jenseits hungere — wie ihr zu sagen pflegt. Wer sollte es auch sonst für dich tun? Du hattest doch niemand, Chen-Li, der dir die Räucherkerzen in das große kupferne Sandbecken stecken und entzünden konnte.

In der nächsten Nacht war Feng wieder da. Ich fragte ihn: "Hast du Chen-Li die Totenopfer gebracht?"

Er lächelte unsagbar glücklich: "Ja, Herr, eine Kerze..." Hier machte er eine Pause und zündete sich seine Pfeife an. Genau so ruhig sprach er weiter. "Chen-Li schuldete mir leider noch ein Paket Tabak. Das mußte ich ihm abziehen, damit er nicht verschuldet im Jenseits sitzt. Darum blieb nur eine Kerze, Herr." Aus Fengs Tabakspfeife schwebten zähe graue Rauchwolken empor. Er lehnte sich zurück und schloß genießerisch seine Augen. Der Fall war für ihn erledigt. Ich nickte und stieg die dreckigen Stufen hinauf. Mir war nicht sehr wohl zumute.

Ich war kaum zehn Minuten in meinem Zimmer, als ein chinesisches Mädchen eintrat. Es begrüßte mich kaum, legte vertraulich seine Sachen auf mein Bett, wischte die Kakerlaken mit der flachen Hand von der Tischdecke und tat auch sonst ganz familiär. Kein Zweifel, es war ein Sing-Song-Girl. Irgendwer in dem großen Hause mußte es bestellt haben, und es hatte sich in der Zimmernummer geirrt — dachte ich. Aber es saß schon auf dem Bettrand, machte tieftraurige Augen, wie ein Kälbchen auf der Schlachtbank, und sagte schluckend: "Dein Freund Chen-Li ist tot, Herr?"

Mehr brauchte sie wirklich nicht zu sagen. Ganz klar, Feng, der Gauner, hatte die Kleine eingeweiht und heraufgeschickt: mich bedauern, trösten und dafür Geld herausschlagen. Ich drückte ihr eine Münze in die Hand, nahm ihre Sachen vom Bett, stopfte sie unter ihren Arm und machte eine höfliche, aber nicht mißzuverstehende Handbewegung.

"Ich habe noch nichts gegessen heute, Herr", entgegnete sie nur traurig.

Ich bin kein Unmensch — und hatte auch Hunger. Also aßen wir um zwei Uhr nachts Reis mit Gemüse und kleinen fettigen Kuchen in meinem Zimmer. "Bei so viel Traurigkeit schmerzt es, singen zu müssen", stöhnte die Kleine, als sie satt war. Noch während sie ihr enges Kleid glattstrich, schob ich sie langsam zur Tür hinaus. Sie ging plötzlich gern und willig!

Erst zehn Minuten später bemerkte ich: auch meine Armbanduhr war gern und willig mitgegangen. Ich hatte sie auf den Nachttisch gelegt. Da gehört eine Armbanduhr wohl nicht hin, aber ...

Darum plötzlich so hurtig, kleines Fräulein, sagte ich mir und lief der Kleinen nach. Einige Straßen weit ging ich. Um einige Ecken. Alles leer. Nur wartende Rikschas und in Hausecken schlafende Kulis. Die Kleine war längst in einem der tausend düsteren Winkel dieser düsteren Stadt verschwunden, spurlos aufgesaugt von dem Dunkel. Warum lief ich eigentlich hinterher? Hoffte ich sie wirklich zu finden? War ich ihr wirklich ernstlich böse? Vielleicht war die Kleine sehr glücklich. Hat vielleicht ihr ganzes Leben lang eine stille Sehnsucht nach einer Armbanduhr in sich getragen — wie du, Chen-Li, deine Träume. Lag auch sicher so verführerisch blinkend da, die kleine Uhr ... Ich hatte dem Mädchen schon verziehen, nur Feng noch nicht.

Die Hände tief in den Taschen vergraben, ging ich langsam den Weg zurück. Ab und zu der Lichthof einer Laterne. Katzen huschten über die Straße. Fette Ratten liefen den Rinnstein entlang. Da saßen gleich fünf auf einmal. Im Halbkreis. Ein schwarzer Klumpen von Rattenleibern. Die Schnauzen waren witternd vorgestreckt und schürften dann wieder über den Boden hin. Sie suchten etwas. Und plötzlich sah ich, was sie witterten, im gelblichen versickernden Schein der Laterne: einen verlaufenden, in Stein gebrannten Blutfleck. Wie eine schwarzrot blühende Blume ... Ich brauchte nicht erst den Kopf zu heben. Ich wußte, wo ich mich befand: Ecke Hongkong-Road.

Und weil ich wieder dein Gesicht sah, Chen-Li, konnte ich nichts sagen, als ich auf Feng stieß. Er saß wie gewöhnlich in der Flurecke. Ich konnte ihn nur anstarren. Er rauchte, hob den Kopf und lächelte: „Willst du mir nicht einen Dollar geben, Herr? Ich werde mir Chen-Lis Rikscha ausleihen, wenn du mir einen Dollar gibst..."

Was sollte ich da sagen. Auf einmal fühlte ich mich mit der Karre merkwürdig verbunden. Ich griff in die Tasche.

Gierig langte Feng nach dem Silberstück, stand auf und wankte tonlos davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Erst auf der anderen Straßenseite blieb er einen Augenblick unentschlossen stehen — gab sich dann einen kaum merkbaren Ruck und verschwand in einem der Keller. Ich wußte, was das bedeutete. Ich kenne diese Keller. Ein ganzer Dollar: das gibt einen guten Traum. Das Opium ist eine unwiderstehliche Macht ... Ich hatte es nicht anders erwartet.

Wie sollte, würdest du antworten, das Leben auch sonst zu ertragen sein, wenn man mit grausamer Bestimmtheit weiß, daß es sehr schnell, mit einer schwarzrot blühenden Blume am Rande des Asphalts enden wird ... ? Immer wenn dein Gesicht vor mir auftaucht, Chen-Li, denke ich an Schanghai: diese Stadt hat sie nie gekannt, die Gerechtigkeit und die menschliche Würde — nur, unaufhörlich, einen Strom von Blut ...

 

Quelle: Das Wort. Literararische Monatsschrift / Red.: Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Willi Bredel. Jahrgang 3 (1938), Heft 1, S. 17-21.

Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 23. April 2011 um 17:50 Uhr
 
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