| Stroh, Britta: Straßenzeitungen - von, für oder über Wohnungslose? Darmstadt 1996 | | Drucken | |
Britta Stroh (yoops@aol.com)Straßenzeitungen - von, für oder über Wohnungslose?Eine Untersuchung zu den Konzeptionen und der Rolle von Sozialpädagogen[1] Darmstadt 1996 Diplomarbeit zur Abschlußprüfung an der Fachhochschule Darmstadt, Fachbereich Sozialpädagogik Anstelle eines Vorworts Anstelle eines VorwortsEIN GROSSES DANKESCHÖN an alle, die direkt oder indirekt zu dieser Diplomarbeit beigetragen haben. Dies gilt vor allem den engagierten Menschen, die ich in der Vorbereitung dieser Arbeit kennenlernte, die sich Zeit nahmen und mir für Fragen zur Verfügung standen: Von der Wohnungslooser-Redaktion
Von der TagesSatz-Redaktion
Von der Hinz & Kunzt-Redaktion
Die Dach-Redaktion sowie
1. EINFÜHRUNG IN DIE THEMATIKWohnungslosenzeitungen - die Idee erscheint schlicht und doch eindrucksvoll: Wohnungslose gestalten eine Zeitung (mit) und/oder verkaufen diese auf der Straße[2]. Dadurch ist Wohnungslosen die Möglichkeit gegeben, sich in der Öffentlichkeit zu äußern und sich ein Zubrot zu verdienen. Es stellt sich die Frage, inwieweit für eine solche Zeitung das Prädikat "Wohnungslosenzeitung" zutrifft. Nur in wenigen Fällen wird eine Zeitung maßgeblich von Wohnungslosen getragen, die Regel ist aber, daß wohnungslose MitarbeiterInnen vornehmlich mit dem Verkauf betraut werden. Kann man in diesem Fall von "Wohnungslosenzeitung" sprechen, wenn Redaktion und Entscheidungsbefugnisse von Nicht-Betroffenen ausgeübt werden? Bis zur vorläufigen Klärung dieser Frage in Kapitel 2 und einer abschließenden Betrachtung im Resümée erscheint der Begriff "Straßenzeitung" am neutralsten. Wird das Thema Wohnungslosigkeit benutzt, um eine publizistische Marktnische zu erschließen oder tragen Straßenzeitungen zu Ent-Stigmatisierung von Wohnungslosen bei? Welche Wirkung und Nutzen haben die Straßenzeitungen für wohnungslose Menschen? In dieser Arbeit soll aufgezeigt werden, in welchem Umfang Wohnungslose an Straßenzeitungen beteiligt und inwiefern hier ein Medium der parteilichen Öffentlichkeitsarbeit geboten wird. Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, die Vielfalt der Straßenzeitungen zu erfassen und zu kommentieren. Eine kurze Übersicht über die etwa 30 bundesdeutschen Publikationen wird jedoch in Kapitel 2 gegeben. 2. Der Markt boomt (noch immer) -Ein Überblick über die Straßenzeitungen in Deutschland Um das Spektrum der unterschiedlichen Ansätze und Arbeitsweisen zu verdeutlichen, werden vier unterschiedliche Zeitungsprojekte vorgestellt. Jeweils wird auch der Träger mit dargestellt, um die England (The Big Issue) nach Deutschland. Derzeit gibt es etwa 30 Zeitungen in 27 Städten[3] mit einer Auflagenstärke von stolzen 400.000 Stück im Monat. Der Berber-Brief war die erste Straßenzeitung in Deutschland. Er entstand im Jahr 1987 als Protestschrift gegen sozialhilferechtliche Praxis direkt auf der Straße. Ohne jedwede finanzielle Unterstützung wurden die handgeschriebenen, fotokopierten Blätter 1989 eingestellt. Im Juni 1992 erschien die erste Ausgabe der Kölner Zeitung Bank-Express (heute Bank-Extra). Der weitreichende Erfolg von Straßenzeitungen in Deutschland wurde aber erst mit der Gründung der Münchner BISS ("Bürger In Sozialen Schwierigkeiten") im Oktober 1993 eingeleitet. Seitdem sind in fast allen größeren west- und ostdeutschen Städten Straßenzeitungen veröffentlicht worden. Einige sind nach kurzem Auftritt wieder von der Bildfläche verschwunden (z. B. Sackgasse, Lobby, beides Frankfurt/M), andere werden in einer Stadt nebeneinander verkauft (Platte, mob und haz in Berlin). Die von Kindern und Jugendlichen gestalteten Zeitungen Zeitdruck/Berlin und Domplatt/Köln kooperieren, d. h. Domplatt wird ausschließlich im Zeitdruck veröffentlicht. Einen Sonderfall stellt die Platte aus Bingen dar. Sie wird vom rheinland-pfälzischen Sozialministerium finanziert und herausgegeben. Der Projektleiter, Ralf Blümlein, formuliert als Ziel der Zeitung: "Selbstdarstellung der Betroffenen fördern, Bild der Obdachlosen geraderücken, eine Lobby schaffen"[4] . Zwar schreiben Wohnungslose für die Zeitung, es gibt aber keinen festen Redaktionsstamm. Im Gegensatz zu allen anderen Straßenzeitungen ist man hier auf den Verkauf nicht angewiesen, die Zeitung wird kostenlos verteilt. Ähnliches galt früher auch für Das Dach/Chemnitz. Deswegen muß die Platte nicht mit vielen der finanziellen Probleme kämpfen, die andere Zeitungen betreffen. Auch diese eher untypische Ausnahmeerscheinung zu untersuchen, würde den Rahmen dieser Diplomarbeit sprengen. Auf Einladung der BAG Wohnungslosenhilfe und der Evangelischen Akademie Loccum trafen sich im Oktober 1995 erstmals MitarbeiterInnen aus 21 Zeitungsprojekten zu einer gemeinsamen Arbeitstagung. Es wurde ein Gebietsschutz und zukünftige Kooperation in mehreren Bereichen (Anzeigenpool, Artikelaustausch usw.) vereinbart[5]. Alle Projekte erheben den Anspruch, "Hilfe zur Selbsthilfe" zu fördern. Konzeptionell besteht aber ein breites Spektrum: Hier lassen sich zwei hauptsächliche Kategorien unterscheiden:
Diese Einteilung kann natürlich nur Tendenzen angeben. Auch aufklärungsorientierte Zeitungen wollen verkaufen und umgekehrt haben auch verkaufsorientierte Blätter den Anspruch, Information und Aufklärung über Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit zu bieten. Unabhängig von der Publikationsform ist sowohl der Umgang mit der Thematik Wohnungslosigkeit als auch die Beteiligung Wohnungsloser bei den einzelnen Blättern unterschiedlich intensiv (dies wird in Kapitel 3 noch einmal verdeutlicht). Meiner Ansicht nach sollte der Begriff "Wohnungslosenzeitung" für die Publikationen reserviert bleiben, deren inhaltliche Schwerpunkte bei Wohnungslosigkeit und auch verwandten Problematiken liegen. Wenn Wohnungslose redaktionell und organisatorisch nur am Rande eine Rolle spielen, kann nicht von einer Zeitung VON Wohnungslosen gesprochen werden. Dies ist noch keine endgültige Wertung, sondern eine genauere Begriffsdefinition. Daher erscheint der Terminus "Straßenzeitung" als Oberbegriff am passendsten, da dies ein allgemeines Charakteristikum der Blätter, den Straßenverkauf, aufgreift. 3. VORSTELLUNG DER AUSGEWÄHLTEN INITIATIVENIn diesem Abschnitt werden vier Straßenzeitungen einzeln vorgestellt. Es sind dies
Die Zeitungen können nicht unabhängig von den übrigen Aktivitäten des Vereins bzw. Trägers betrachtet werden. Die einzelnen Projekte sind, teils inhaltlich, teils finanziell, miteinander verbunden. Daher werden zunächst die jeweiligen Träger (kurz) vorgestellt. Zum grundsätzlichen Verständnis der Straßenzeitungen werden Struktur und Organisationsform dargestellt. Selbstverständnis und Ziele werden nach eigenen Aussagen bzw. Selbstdarstellungen erläutert. Die Behandlung des Themas Wohnungslosigkeit wurde durch eine Inhaltshanalyse[7]. untersucht. Die ausgewählten Beispiele möglicher Konzeptionen werden in Kapitel IV kritisch diskutiert. Weiter wird die Beteiligung von SozialarbeiterInnen bzw. die Zusammenarbeit von Straßenzeitungen mit Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe geschildert. Diese Angaben werden in Kapitel 6 (Rolle der Sozialarbeit) wieder aufgenommen. Für alle Straßenzeitungen und nicht nur für Das Dach gilt, daß sie sich ständig weiterentwickeln. Dies wurde an neuen Ideen und Erfahrungen sowie kleinen Veränderungen bereits innerhalb des letzten Vierteljahres deutlich. Diese Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen, die Beschreibung der Zeitungsprojekte beruht daher auf dem Stand von April 1996. 3.1 Hinz & KunztHerausgeber: Hinz & Kunzt gemeinnützige Verlags- und Vertriebsgesellschaft mbH, Hamburg 3.1.1 EntstehungHinz & Kunzt, das "Hamburger Straßenmagazin", wurde nach dem englischen Vorbild The Big Issue vom Leiter des Diakonischen Werks Hamburg 1993 initiiert. Während des vorangegangenen Jahres entwickelte eine Arbeitsgruppe im Diakonischen Werk ein Konzept, jedoch fehlte der Kontakt zu Wohnungslosen, die sich beteiligen wollten. Nach der Nacht der Wohnungslosen im Juni 1993 entstand eine Selbsthilfegruppe Wohnungsloser (OASE), die sich zur Zusammenarbeit bereit erklärte[8]. 3.1.2 Selbstverständnis und Ziele des Trägers - "Hilfe zur Selbsthilfe"Anfangs unter der Trägerschaft des Diakonischen Werks, ist Hinz & Kunzt seit dem 01.01.1996 eine selbständige gemeinnützige GmbH[9]. Hinz & Kunzt sieht sich "...als Vertreter der Interessen von Wohnungslosen in Gremien (Arbeitskreis Wohnraumversorgung, d. Verf.( an. Beispielsweise als Initiator einer bundesweiten Unterschriften-Aktion gegen Sozialhilfekürzungen."[10] "Hilfe zur Selbsthilfe ist das Prinzip dieses Projektes."[11] Dabei wird der Zeitungsverkauf und die damit verbundenen Auswirkungen auf die VerkäuferInnen ein erster Schritt sein (dazu mehr unter 3.1.3). Unterstützende Angebote an die wohnungslosen VerkäuferInnen sind:
1995 wurde der "Hinz und Kunzt Freundeskreis" initiiert: Die Fördermitglieder erhalten zweimal jährlich einen Infobrief, in dem über die Verwendung ihrer Spende berichtet wird. 3.1.3 Selbstverständnis und Ziele der Zeitung - "Stadtmagazin und Sprachrohr""Das Blatt mit seiner Mischung aus sozialen und kulturellen Themen sowie Berichten von Obdachlosen wendet sich an alle Hamburgerinnen und Hamburger"[12] Hinz & Kunzt will ein "Straßenmagazin", d. h. eine "Mischung aus Stadtmagazin und Sprachrohr der Betroffenen (Kulturthemen und Soziales möglichst ausgewogen)" und politische Lobby für sozial Benachteiligte sein[13]. Möglichst viele Menschen sollen mit der Zeitung angesprochen und "für das Thema sensibilisiert werden"[14]. Eine hohe Auflage ist notwendig, "denn nur wenn die Zeitung ihr Geld wert ist, funktioniert das Projekt langfristig."[15] Die Hilfe zur Selbsthilfe soll durch verschiedene Komponenten verwirklicht werden. Zusatzverdienst Die Zeitung erscheint monatlich zum Preis von DM 1,80, davon ist 1 Mark für den Verkäufer. Daneben können Wohnungslose für eingebrachte Artikel das Zeilenhonorar für freie Journalisten von DM 1, 20 je Zeile erhalten. Diese Einkünfte werden ein halbes Jahr lang nicht auf die Sozialhilfe angerechnet[18]. Umgang mit Geld Einstieg in ein geregeltes Leben Persönliche Zufriedenheit Kontakte Selbstwertgefühl 3.1.4 Organisation und Struktur3.1.4.1 MitarbeiterInnen"Hinz & Kunzt wird von professionellen Journalisten, Fotografen, Layoutern gestaltet.... Eine Betriebswirtin macht die Projekt- und Anzeigenleitung, ein Sozialarbeiter steht den Verkäufern für praktische Hilfe zur Verfügung."[27] Weiterhin werden eine Redaktionsassistentin und ein Zivildienstleistender beschäftigt. Die MitarbeiterInnen arbeiten entweder hauptamtlich oder auf Honorarbasis.[28] Beiträge werden hauptsächlich von professionellen MitarbeiterInnen recherchiert und geschrieben. Etwa drei sogenannte "Forum-Seiten" sind für Beiträge von Wohnungslosen reserviert. 3.1.4.2 Produktion und VertriebHinz & Kunzt erscheint monatlich in einer Auflage von durchschnittlich 110.000 Exemplaren. Sie wird ausschließlich in Hamburg vertrieben. Zur Organisation des Vertriebs wurden vier ehemalige Wohnungslose aus der Selbsthilfegruppe OASE eingestellt.[29] Von den über 1.000 registrierten VerkäuferInnen sind etwa 100-300 regelmäßig aktiv[30]. Der Frauenanteil bei den VerkäuferInnen liegt bei etwa 2,5%[31]. Zum Vertrieb gehört das Ausstellen von VerkäuferInnenausweisen, die Vergabe der ersten zehn Gratis-Exemplare, die wochenweise Einteilung der Verkaufsgebiete und Kontrolle der Einhaltung der Verkaufsregeln. Zu den Verkaufsregeln muß sich jede/r VerkäuferIn schriftlich verpflichten, um einen Verkaufsausweis zu erhalten. Die Regeln beziehen sich auf den Zeitraum des Zeitungsverkaufens: Nachweis der Wohnungslosigkeit, Tragen des Verkäufer-Ausweises, kein Alkohol- oder Drogengenuß, keine Bettelei, kein störendes Verhalten, kein Verkauf in öffentlichen Verkehrsmitteln oder in anderen Personen zugewiesenen Verkaufsgebieten.[32] Vertriebsmitarbeiter kontrollieren gelegentlich selbst bzw. gehen etwaigen Beschwerden von KäuferInnen nach. Bei Nichteinhaltung kann die Verkaufserlaubnis (der Verkäuferausweis) von einer Woche bis zu zwei Monaten entzogen werden.[33] 3.1.4.3 FinanzierungNach einer Anschubfinanzierung in Höhe von DM 170.000 der Nordelbischen Landeskirche finanziert sich die Zeitung heute "aus Verkaufserlösen der Zeitung, Anzeigenerlösen und Spenden."[34] Die Stelle des Sozialarbeiters wird aus Mitteln der "Glücksspirale" finanziert[35]. Von den Erlösen werden die MitarbeiterInnen sowie die laufenden Nebenkosten, wie Büroräume etc., bezahlt und die anderen Projekte von Hinz & Kunzt unterstützt. 3.1.5 Erscheinungsbild und InhalteHinz & Kunzt erscheint auf 40 Seiten: innen zweifarbig, die Titelseite im 4-Farbendruck, meist mit einem Foto oder Comic. Nach eigener Einschätzung liegen die Schwerpunkte der Berichterstattung bei "Armut, Wohnungslosigkeit, soziale Mißstände, Initiativen, Veranstaltungskalender" sowie bei Themen mit "Hamburg-Bezug" (Hamburger Künstler, Stadtkultur, Literatur).[36] Zwei bis drei Forumseiten werden von Wohnungslosen gestaltet. Eine Analyse von sechs Ausgaben (vgl. Anhang Nr. III.1) ergab, daß der größte Teil der Zeitung von Veranstaltungskalender und Anzeigen (jeweils ca. 17%) eingenommen wird. Der Kulturanteil beträgt ca. 14%, das Feuilleton nimmt mit ca. 13%, Themen aus Politik und Gesellschaft mit ca. 6% ebenfalls breiten Raum ein. Institutionen der Wohnungslosenhilfe sind mit ca. 4%, Berichte über die Lebenssituation von Wohnungslosen mit 4% und Einzelschicksale bzw. Biografien mit ca. 7% vertreten. 3.1.6 Beteiligung von SozialarbeiterInnenEin Hinz & Kunzt Mitarbeiter beschreibt das Verhältnis zur Sozialarbeit folgendermaßen: "Wir machen hier jeden Tag Sozialarbeit, wir, die wir mit den Verkäufern zu tun haben. Mit allen Problemen kommen die zu uns..."[37] Ursprünglich sollten hilfesuchende Verkäufer an Beratungstellen für Wohnungslose verwiesen werden. Dieses Vorhaben funktionierte nicht, zum einen weil Beratungsstellen - mit Kunden ausgelastet - die große Anzahl von Verkäufern nicht habe übernehmen können, zum anderen seien unter den Verkäufern viele, die im offiziellen Hilfesystem zuvor nicht aufgetaucht waren. Ein Teil davon entwickelte Vertrauen zu den Leuten im Vertrieb und wollte auch mit niemand anderem über Probleme sprechen. Dies habe sich sehr belastend auf den Vertrieb ausgewirkt.[38] Es wurde sowohl die Notwendigkeit von Beratung und Hilfe-Vermittlung erkannt, als auch die Tatsache, daß diese Art von Arbeit von der Redaktion allein nicht zu bewältigen wäre.[39] Seit Dezember 1994 ist ein Dipl. Sozialarbeiter innerhalb des Projekts beteiligt. Er ist "Ansprechpartner für Verkäufer", seine Aufgaben bestehen in der "Beratung z.B. bei Schulden-, Sucht-, Rechtsproblemen, Vermittlung an andere Beratungsstellen/Einrichtungen, "Betreuung" des Wohnprojektes"[40]. "Eher selten" stellt er auch die "fachliche Beratung bei sozialpolitischen Themen."[41] 3.1.7 Zusammenarbeit mit sozialen EinrichtungenMit der Einrichtung der Stelle eines Sozialarbeiters wurden die personellen Voraussetzungen zur Zusammenarbeit mit sozialen Einrichtungen geschaffen. Verbindungsglied ist der Sozialarbeiter. Der Vernetzungsgedanke ist hier offensichtlich stark vorhanden. Es bestehen Kontakte zur Drogen- und Schuldnerberatung (Weitervermittlung) und zum Sozialamt (Einladungen von Sachbearbeitern zur Information). Daneben wird mit Beschäftigungsgesellschaften zusammengearbeitet. Dadurch konnte unter anderem eine Stelle für einen ehemaligen Wohnungslosen im Wohnungspool eingerichtet werden.[42] Die Hinz & Kunzt GmbH ist außerdem auch sozialpolitisch engagiert, sie ist Mitglied im Arbeitskreis Wohnraumversorgung, einem Zusammenschluß Hamburger Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe. 3.2 Der "TagesSatz" -Herausgeber: Verein zur Förderung der Integration sozial und kulturell benachteiligter Menschen (Sozial Kultureller Förderverein), Kassel 3.2.1 EntstehungEnde 1993 trafen sich erstmals Kasseler BürgerInnen mit dem Ziel, die Idee einer Wohnungslosenzeitung aus anderen Städten aufzugreifen und zu verwirklichen. Der sozial-kulturelle Förderverein wurde gegründet und im September 1994 erschien die erste Ausgabe des TagesSatz[43]. 3.2.2 Selbstverständnis und Ziele des Vereins - "Armut benötigt Aufmerksamkeit"[44]Der Verein wurde explizit gegründet, um eine rechtliche Grundlage zur Publikation einer Zeitung zu haben. Zu den 20 Mitgliedern des Vereins zählen " interessierte Bürgerinnen und Bürger mit und ohne Wohnung und Sozialarbeiter aus den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe"[45]. Im Vorstand sind keine Wohnungslosen, da sich niemand dafür bereit fand. Um mitzuarbeiten ist aber keine Mitgliedschaft erforderlich. "Zweck des Vereins ist die Förderung sozial und kulturell benachteiligter Bürgerinnen und Bürger, besonders Wohnungslose, Obdachlose und Strafentlassene."[46] Dieses Ziel soll verwirklicht werden durch "Öffentlichkeitsarbeit, durch Herausgabe von Druckschriften, Veranstaltungen von Seminaren für Betroffene und interessierte Bürgerinnen und Bürger und die Fortbildung von Mitarbeitern im Bereich der Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe."[47] In Planung ist derzeit die Schulung von MitarbeiterInnen in Fragen, die mit der Herausgabe der Zeitung verbunden sind, z. B. Umgang mit dem Computer. Der Verein ist als "mildtätig" anerkannt[48] . 3.2.3 Selbstverständnis und Ziele der Zeitung - "Hilfe zur Selbsthilfe"[49]Anliegen des TagesSatz ist es, soziale Mißstände aufzuzeigen und die Öffentlichkeit mit Themen und Fakten zu beliefern, die häufig übersehen oder überhört werden. "Er dient als Sprachrohr für alle sozial Benachteiligten und Ausgegrenzten und versucht dadurch, zur Änderung der sozialen (Miß-) Verhältnisse beizutragen."[50] Dadurch soll "Mitgefühl und Solidarität mit den Betroffenen gestärkt werden."[51] "Über den Erfolg der Zeitung entscheidet ... nur ihre Qualität und ihr Bestehen am Markt... aus diesem Grunde bemühen wir uns um einen Standart, der zum Kaufen einlädt, denn nur wenn unser Produkt gekauft wird, können die Verkäufer etwas verdienen."[52] "Hilfe zur Selbsthilfe" ist auch das Motto des TagesSatz. Zusatzverdienst Vom Verkaufspreis des TagesSatz von DM 2,80 behalten die VerkäuferInnen DM 1,30. Für Beiträge von Betroffenen wird ein Autorenhonorar von bis zu DM 50 gezahlt. Zur Anrechnung dieser Einküfte auf Sozialhilfe siehe 4.3.3.2. Soziale Anerkennung Gesellschaftliche Reintegration 3.2.4 Organisation und Struktur3.2.4.1 MitarbeiterInnenAus dem Kreis der Vereinsmitglieder hat sich mittlerweile ein fester Redaktionskern herausgebildet. Mitglied zu sein ist aber keine Voraussetzung, um mitarbeiten zu können. Da alle Beteiligten ehrenamtlich arbeiten und Zeitungslaien sind, wird kein Unterschied gemacht zwischen "Betroffenen" und "Nicht-Betroffenen". Zwar gibt es teilweise Differenzen bei der Gestaltung von Artikeln, aber nicht aufgrund von erfahrener bzw. nicht-erfahrener Wohnungslosigkeit[57]. Wohnungslose bzw. ehemals wohnungslose Mitarbeiter sind "gleichberechtigte Kollegen". Dies wird auch von Ex-Betroffenen so empfunden[58]. Wöchentlich findet eine Redaktionssitzung statt. 3.2.4.2 Produktion und VertriebDer TagesSatz erscheint in einer Auflagenhöhe von 7.000 Exemplaren sechs mal pro Jahr. Er wird in Kassel und Göttingen vertrieben, die Verbreitung auch in Marburg befindet sich im Aufbau. Das Layout wird von einem Vereinsmitglied gestaltet, der als Grafiker auch die Verbindung zu einer Druckerei herstellte, die zu günstigen Konditionen arbeitet. Der Vertrieb wird jetzt von einem ehemaligen Wohnungslosen organisiert. Wöchentlich findet ein VerkäuferInnentreffen statt. 80 Verkäuferausweise wurden ausgestellt, darunter sind ca. 10 Stammverkäufer. Von den eingetragenen VerkäuferInnen sind etwa 15% Frauen. Laut den Vertriebsrichtlinien dürfen nicht nur Menschen ohne Wohnung sondern "Bürger in sozialen Schwierigkeiten"[59] die Zeitung verkaufen. Die Zeitung kann auch abonniert werden. Zu den Verkaufsregeln gehört das Tragen des Verkaufsausweises, kein störendes Verhalten, kein Alkohol- oder Drogenkonsum während des Verkaufs, kein Verkauf in öffentlichen Verkehrsmitteln. Bei Verstoß kann der Verkaufsausweis eingezogen werden[60]. 3.2.4.3 FinanzierungDie Arbeit wurde mit Hilfe von Spenden und Sachspenden zur Einrichtung der Redaktionsräume aufgenommen. Die Zeitung finanziert sich aus Spenden, Anzeigen, Einnahmen aus dem Verkauf sowie Förderbeiträgen. Davon werden auch die laufenden Kosten, wie Miete, Telefon etc., bezahlt. 3.2.5 Erscheinungsbild und InhalteDer TagesSatz erscheint alle zwei Monate auf 36 gehefteten Seiten. Die Zeitung ist innen schwarz-weiß gehalten, außen zweifarbig. Der Schwerpunkt liegt auf (lokal- und bundes-) sozialpolitischen und gesellschaftlichen Themen (22%) (siehe Anhang III.2). Internes nimmt ca. 12% des Magazins ein. Berichte über Institutionen der Wohnungslosenhilfe sind mit ca. 7%, die Lebenssituation von Wohnungslosen ebenfalls mit 7%, Einzelschicksale und Biografien mit 6% vertreten. Außerdem wird berichtet über Sucht (13%), wohnunglose Frauen (5%), Kinder auf der Straße (5%). In jeder Ausgabe ist eine Seite für Adressen inklusive Kurzbeschreibungen von Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe, Hilfe für Frauen und Suchtberatung reserviert. 3.2.6 Beteiligung von SozialarbeiterInnenDie ehrenamtlich mitwirkenden SozialarbeiterInnen können AnsprechpartnerInnnen sein: Bei Problemen der wohnungslosen VerkäuferInnen können sie durch ihr Fachwissen an die entsprechenden Hilfeeinrichtungen weiterleiten. Es soll keine Sozialarbeit im Projekt selbst stattfinden. Unter den wohnenden und nicht-wohnenden MitarbeiterInnen sind keine "Zeitungs-Profis", daher war die Zusammenarbeit "von Anfang an auf einer gleichberechtigten Basis."[61] Allerdings wurde festgestellt, daß SozialarbeiterInnen teilweise versuchten, "unbewußt" Klientenarbeit zu betreiben, d. h. eine eher "betreuende" Rolle einnahmen. Dies sei aber weder gewollt noch häufig[62]. Einer der Sozialarbeiter sieht den Grund seines Engagements in der Möglichkeit, Mißstände in die Öffentlichkeit zu bringen, was als Angestellter eines Wohlfahrtsverbandes nicht geht, da dort Rücksichten auf interne Strukturen genommen werden müßten. 3.2.7 Zusammenarbeit mit sozialen EinrichtungenEs besteht keine offizielle Zusammenarbeit mit sozialen Einrichtungen, aber eine Verbindung ist gegeben durch die ehrenamtliche Beteiligung von SozialarbeiterInnen aus Einrichtungen der Kasseler Wohnungslosenhilfe, so daß Informationen weitergegeben und z. B. Mißstände, wie rechtswidrige Praktiken der Wohnungsvermittlung aufgezeigt werden können. 3.3 Der "Wohnungslooser" -Herausgeber: Selbsthilfeförderverein Arbeit und Wohnen e. V., Michelstadt 3.3.1 EntstehungGegründet wurde der Verein 1994, ursprünglich, um den wohnungslosen Gründungsmitgliedern eine Unterkunft zu verschaffen. Die Rechtsform Verein bildete das Zwischenglied von Mietern und Vermietern. Fast zeitgleich mit der Aufnahme der Arbeit des Vereins wurde die Zeitung gegründet. Der Auslöser zur Veröffentlichung einer Zeitung war "eine öffentliche Veranstaltung, auf der wir (die wohnungslosen Vereinsmitglieder, d. Verf.) mit einer eigenen Presse erscheinen wollten."[63] Im August 1995 wurde dem Verein Gemeinnützigkeit[64] zuerkannt. 3.3.2 Selbstverständnis und Ziele des Vereins - "Wir wollen, daß Menschen aktiv werden."[65]Der Name ist Programm und Ziel: Der Selbsthilfe-FÖRDER-Verein will Selbsthilfe fördern und initiieren, vor allem in den Bereichen Arbeit und Wohnen. Um sich aktiv zu beteiligen, ist eine Mitgliedschaft nicht verpflichtend. "Mitgestalten kann jeder durch seine Arbeit." Die Entscheidung ob und wieviel man sich engagiert, liegt bei den Einzelnen[66]. Ein Vorstandsvorsitzender und ein Chefredakteur, beide Ex-Wohnungslose, wurden zwar formal benannt; beide betonen jedoch, daß notwendige Entscheidungsprozesse unbürokratisch gehandhabt werden[67]. Der Verein wird in der Rolle einer Geschäftsführung gesehen, d.h. er ist für die Organisation zuständig[68], bietet ein "Instrument, um arbeiten zu können"[69]. Dies erweise sich als einfacher, wenn ein Verein vorgeschaltet ist[70]. Neben der Zeitung hat der Verein noch andere Aktivitäten entwickelt:
Arbeitsbeschaffende Projekte sollen nur so lange seitens des Vereins unterstützt werden, bis sie gewinnbringend arbeiten und dann aus dem Verein ausgegliedert werden[72]. Der Verein soll sich dann selbst überflüssig gemacht haben. "Wir wollen aus Leuten, die keine Arbeit haben, Unternehmer machen."[73] Die Rolle des Vereins wird wie folgt charakterisiert: "Der Verein ist immer nur ein Bindeglied zwischen den einzelnen Projekten."[74] 3.3.3 Selbstverständnis und Ziele der Zeitung - "Jeder kann zu Wort kommen."[75]Auch bei der Zeitung versteht sich der Verein als Organisator eines Forums, das jeder nutzen kann[76]. "(Wir wollen andere, d. Verf.) animieren zu schreiben. Und wir sind nur die Organisatoren der Zeitung. Wir stellen das (Material, d. Verf.) zusammen."[77] Eingesandte Beiträge werden danach beurteilt, ob sie zum jeweiligen Hauptthema der nächsten Ausgabe passen, "aber große Auswahl und Zensur findet nicht statt."[78] Beim Wohnungslooser handelt es sich um eine "überregionale Zeitung, die sich nur auf Wohnungslosigkeit konzentriert ... Wir wollen Fachorgan für Obdachlosigkeit sein...vielleicht Fachzeitung für billiges Bauen"[79]. Der Wohnungslooser wendet sich an die interessierte, sozial engagierte Öffentlichkeit mit dem Ziel, Verständnis zu wecken: "Öffentlichkeitsarbeit für das ganz normale Verständnis zwischen Betroffenen ... und der Normalbevölkerung."[80] Aus Sicht des Vereins ist die Zeitung auch Mittel zum Zweck: Sie dient zum einen als Werbeträger für die einzelnen Projekte des Vereins, zum anderen werden die Projekte mit Gewinnen aus der Zeitung unterstützt[81]. "Die Menschen sollen's verstehen, langsam."[82] Für die Verkäufer ergäben sich daraus folgende Vorteile: Zusatzverdienst bzw. finanzielle Lebensgrundlage[83] DM 1,10 jeder verkauften Zeitung erhalten die VerkäuferInnen. Da der Wohnungslooser bundesweit verkauft wird, gibt es keine einheitliche Regelung im Umgang mit Sozialhilfe. Unter den VerkäuferInnen sind einige, die "leben da richtig davon, komplett, mit Wohnung bezahlen und allem was dazugehört und es gibt Leute, die holen sich nur ein bißchen Taschengeld."[84] Letzteres sei besonders für überschuldete Menschen interessant, die bei der Aufnahme eines regulären Arbeitsverhältnisses wieder bis auf den Sozialhilfesatz heruntergepfändet würden[85]. Ansporn Einstieg in ein geregeltes Leben Selbstbestätigung Kontakte 3.3.4 Organisation und Struktur3.3.4.1 MitarbeiterInnenAktiv bei der Zeitung sind hauptsächlich drei ehemals Wohnungslose. Darunter ist Hans Klunkelfuß, der Ende der 80er Jahre den Berber-Brief herausgab und somit bereits Erfahrung mit Straßenzeitungen hatte. Die Beiträge stammen "von Sozialarbeitern über Kirchenleute, bis zu Politikern und Betroffene schreiben ja nicht unerheblich in dem Blatt."[90] 3.3.4.2 Produktion und VertriebDer Wohnungslooser erscheint monatlich in einer Auflage von 35.000 Exemplaren. Die Zeitung kann nach Bedarf der örtlichen Wohnungslosen durch eine Lokalausgabe ersetzt oder ergänzt werden (z. B. Mannheim, Frankfurt). Die Zeitung kann von ihren Inhalten her bundesweit vertrieben werden, es gibt sie auch im "Freundschaftsabonnement" (DM 100 pro Jahr). Die Zeitung wird in Eigenarbeit gesetzt und gedruckt. Der Verkauf wird von etwa 50 Wohnungslosen übernommen; eine Frau ist darunter. Die Verkäufer holen sich die fertigen Exemplare entweder direkt beim Verein in Michelstadt oder bei "Verteilstationen" ab, wie z. B. der "Teestube" in Darmstadt. Die Wahl des Verkaufsgebiets ist den Verkäufern überlassen. 3.3.4.3 FinanzierungDie erste Ausgabe von 200 Stück wurde aus privaten Mitteln finanziert. Die Zeitung trägt sich selbst ausschließlich von ihrem Verkaufspreis von mittlerweile DM 2,50. Davon gehen DM 0,30 für das Baukonto ab; DM 1,10 behält der Verkäufer. Von dem Überschuß werden die Druckkosten und laufende Ausgaben bezahlt sowie andere Aktivitäten unterstützt. Seit April 1996 bietet sich der Wohnungslooser auch als Werbepartner an, zuvor waren keine kommerziellen Anzeigen (außer Eigenwerbung, Suchanzeigen, Bettelanzeigen, Spendenaufrufe etc.) enthalten. 3.3.5 Erscheinungsbild und InhalteDie 32 Seiten sind durchgängig schwarz-weiß gehalten. Zur Titelblattgestaltung dient meist ein Foto. Es finden sich großformatige Bilder, die Schrift ist durchgängig groß gehalten. Es wird versucht, in jeder Ausgabe ein Hauptthema ("einen roten Faden"[91]) beizubehalten. Alle Beiträge befassen sich direkt (z. B. Einzelschicksale, Vorstellung von Institutionen der Wohnungslosenhilfe) oder indirekt (z. B. Besprechung eines Buches, das sich mit Wohnungslosigkeit befaßt, politische Veranstaltungshinweise) mit sozialen Themen, insbesondere Wohnungslosigkeit. Der Schwerpunkt der Berichterstattung liegt mit ca. 29% (Durchschnitt von 5 Ausgaben, siehe Anhang III.3) bei vereinseigenen Projekten: Vorstellung von Bauplänen, Werbung für die Druckerei usw. Der Schilderung von Einzelschicksalen (ca. 11%), politisch-gesellschaftliche Themen (ca. 8%) und Institutionen der Wohnungslosenhilfe (9%) sowie der Lebenssituation von Wohnungslosen (9%) wird ebenfalls viel Platz eingeräumt. Ab der März-Ausgabe 1996 wird der Lobby e. V.[92] in jeder Zeitung Hintergründe zu sozialpolitischen Themen aufzeigen. 3.3.6 Beteiligung von SozialarbeiterInnenZu den Gründungsmitgliedern zählt auch ein Sozialarbeiter. Besonderheit ist hier, daß er sich nicht in seiner Funktion als Sozialarbeiter der Nichtseßhaftenberatung im Odenwaldkreis beteiligte, sondern "aus reinem persönlichem Engagement und Interesse", also ehrenamtlich mitarbeitet.[93] Der Sozialarbeiter sah in der Beteiligung an dem Selbsthilfeverein die Chance, weitergehende Hilfe zu praktizieren, z. B. Wohnraum anzumieten, die unter seinem Arbeitgeber (Arbeitskreis Suchtkrankenhilfe) nicht möglich gewesen wären. [94] Einer Einschätzung des Vorstandsvorsitzenden nach war er mehr eine "Begleitperson", der aber "nicht maßgebend, kein Ideenträger"[95] gewesen sei. "Aus taktischen Gründen" führte er jedoch z. B. Verhandlungen im größeren Rahmen mit Ämtern wegen Wohnraumbeschaffung - er werde ernster genommen als Betroffene[96]. Der Sozialarbeiter selbst sah spezifische Hilfen, die er in seiner Eigenschaft als Sozialarbeiter leisten konnte, in zweierlei Hinsicht: auf der einen Seite materielle und organisatorische Unterstützung, z. B. das Telefon der Wohnungslosenberatungsstelle. Andererseits habe er "vortherapeutisch" arbeiten können, d. h. Einzelhilfe, "begleiten auf Selbstentdeckung", Reflektion[97]. 3.3.6 Zusammenarbeit mit sozialen EinrichtungenDie Fachberatungsstelle und Teestube "Konkret" in Darmstadt dient als eine unter mehreren Verteilstationen für die Zeitungen[98]. Die Verbindung wird als eine beiden Seiten nützliche definiert: Anfänglich versuchte der Verein, in der Teestube Redaktionssitzungen abzuhalten, und andere Wohnungslose zur Mitarbeit zu bewegen, was sich damals nicht als erfolgreich erwies[99]. Bis heute ist dennoch der ein oder andere Artikel von Besuchern der Teestube eingesandt worden. Der Vorteil für die in der Teestube arbeitenden Sozialarbeiter besteht aus der Sicht Werner Pickers zum einen in der Möglichkeit, Besucher zu motivieren und aus dem Milieu "rauszukriegen". Der zweite Vorteil sei, daß Artikel veröffentlicht werden und die Teestube "Reklame für sich selbst machen" könne[100]. 3.4 "Das Dach"Herausgeber: Arbeiterwohlfahrt- Kreisverband Chemnitz e. V., Chemnitz 3.4.1 EntstehungDie "Zeitschrift Chemnitzer Wohnungsloser" wurde 1994 in der Tagesstätte für Wohnungslose konzipiert, in Anlehnung an Vorbilder aus Hamburg und München. Anfang 1994 nahm ein Gast der Tagesstätte für Wohnungslose die Projektarbeit auf, die mit Hilfe von Sozialarbeitern gestartet und vorangetrieben wurde."[101] Die erste Ausgabe wurde im Mai 1994 herausgegeben. Vier mal pro Jahr erschien eine achtseitige Zeitung im DIN A5 Format. "Sie trug eher den Charakter eines Informationsblattes, vor allem für Obdachlose [der, d. Verf.] Stadt."[102] Sie wurde kostenlos verteilt. Für die derzeitige Ausgabe 1/96 wurde das Konzept leicht geändert: Das Dach ist umfangreicher und soll erstmals verkauft werden. Die jetzigen Bedingungen werden im folgenden dargestellt. 3.4.2 Selbstverständnis und Ziele des Trägers - "Teil der Öffentlichkeitsarbeit""Das Dach" ist auch der Name der Tagesaufenthaltsstätte für Wohnungslose, getragen von der Arbeiterwohlfahrt, Kreisverband Chemnitz e. V. Die Arbeiterwohlfahrt ist lediglich Finanzier, organisiert und geplant wurde die Zeitung innerhalb und mit Besuchern des Tagestreffs. Die Zeitung Das Dach wird als Bestandteil der Öffentlichkeitsarbeit des Tagestreffs verstanden. 3.4.3 Selbstverständnis und Ziele der Zeitung - "Sprachrohr sozialer Probleme"Das Dach versteht sich als "Sprachrohr sozialer Probleme in der Stadt, aufgelockert durch kulturelle und stadtbezogene Themen"[103] Diese "Szenezeitung" soll dazu beitragen, "Nischen und Randgruppen der Gesellschaft zu finden und darzustellen."[104] Ein Ziel der Zeitung ist es, "in der Bevölkerung die vielschichtigen Probleme der 'Armen' in unserer Gesellschaft und speziell in... [Chemnitz bekanntzumachen, d. Verf.] und die Bürgerschaft dazu bringen, über dieses wachsende Problem nachzudenken."[105] Die Sichtweise derer von unten soll gezeigt werden und es ihnen ermöglichen, "selbst ihre Stimme zu heben."[106] Damit soll die Öffentlichkeit für soziale Probleme sensibilisiert werden[107]. Ziele für die VerkäuferInnen sind: finanzieller Zuverdienst Auf Beschluß des Chemnitzer Sozialamtes werden Einnahmen aus dem Zeitungsverkauf nicht auf Sozialhilfe angerechnet. soziale Kontakte Bei zwei der sechs Verkäufer dient der Zeitungsverkauf auch zur Tagesstrukturierung und zur Ablenkung von Alkohol 3.4.4 Organisation und Struktur3.4.4.1 MitarbeiterInnenBeteiligt sind Sozialarbeiter, ein freischaffender Mediendesigner, ein arbeitsloser Grafiker, Journalisten und Wohnungslose. Wohnungslose sind nur bedingt in der Redaktion vertreten, dies soll aber weiter ausgebaut werden. Die Sozialarbeiter arbeiten zum Teil in ihrer Arbeitszeit alle anderen MitarbeiterInnen ehrenamtlich[108]. Für die beteiligten Journalisten "bietet sich die Möglichkeit, Themen intensiver als in der Tagespresse aufzubereiten."[109] 3.4.4.2 Produktion und VertriebDie Auflage beträgt zur Zeit 1.000 Exemplare. Geplant ist weiterhin eine vierteljährliche Erscheinungsweise. Das Dach soll in der Stadt Chemnitz im Straßenverkauf und durch Abonnements vertrieben werden. Der Vertrieb mit insgesamt 6 Verkäufern, darunter 2 Frauen, wird im Tagestreff organisiert. Der Druck wird bei einer Druckerei in Auftrag gegeben. 3.4.4.3 FinanzierungDas Dach nach altem Konzept wurde von der AWO Chemnitz finanziert. Das neue Dach begann mit einer Anschubfinanzierung der "Robert-Bosch-Stiftung". Zukünftig soll die Zeitung sich selbst tragen; es ist jetzt aber noch nicht abzusehen, inwiefern dies funktionieren wird. 3.4.5 Erscheinungsbild und InhalteDie Zeitung erscheint vierteljährlich im DIN A4 Format auf jetzt 16 gehefteten Seiten. Sie ist außen dreifarbig, innen schwarz-weiß gedruckt. Da sie von einem Grafiker gestaltet wird, verfügt sie über ein professionelles Erscheinungsbild. Das Dach richtet sich an "die gesamte Chemnitzer Bevölkerung, um die sozialen Themen ...allen, die sonst damit nicht in Berührung kommen, näherzubringen."[110] Die Themenschwerpunkte sind zum einen die Darstellung sozialer Probleme und Randgruppen, zum anderen sollen Defizite und Fehler im System benannt werden. Durch Kultur und Unterhaltung (z. B. Kreuzworträtsel) wird die Zeitung aufgelockert[111]. Werbung wurde nicht geschaltet. Themen in der bislang einzigen Ausgabe der "neuen" Art sind vier Seiten Rätsel, Satire und Kultur, "Wohnungslosigkeit in Chemnitz" auf zwei Seiten, ein Interview mit dem Vorsitzenden der AWO, "Quo Vadis, Sozialstaat Deutschland", ein einseitiger Bericht über das Treffen der Straßenzeitungen in Loccum, ein Rückblick auf die Weihnachtsfeier im Tagestreff, eine Seite mit Adressen der Wohnungslosenhilfe. Über die Hälfte der Berichte nehmen Bezug auf die Problematik Wohnungslosigkeit. Von Wohnungslosen verfaßte Berichte sind in der ersten "neuen" Ausgabe nicht enthalten. 3.4.6 Beteiligung von SozialarbeiterInnenMit Hilfe von SozialarbeiterInnen des Tagestreff wurde das Projekt gestartet und auch vorangetrieben. Sie übernehmen redaktionelle und organisatorische Aufgaben, wie z. B. Beiträge und Finanzierung. Nach Aussagen des Tagestreffs ist es leichter, Wohnungslose für ein Projekt zu gewinnen, wenn eine Bezugsperson vorhanden ist. Sozialarbeiter sind "nötig, um Defizite und Probleme in der sozialen Arbeit, (speziell "Behördenwillkür mit Klienten" u. ä.) anzusprechen."[112] 3.4.7 Zusammenarbeit mit sozialen EinrichtungenAngestrebt ist eine Zusammenarbeit aller Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe der Stadt, die aber bisher noch nicht realisiert wurde. 3.5 ZusammenfassungAn dieser Stelle sollen die wichtigsten Merkmale der vier Zeitungen noch einmal zusammengefaßt und daran in die eingangs (Kapitel 2) angegebenen Richtungen "Verkauf" bzw. "Aufklärung" eingeordnet werden. Hinz & Kunzt, Hamburg Inhaltlich wird der Thematik Wohnungslosigkeit im Vergleich zu den anderen drei Initiativen äußerst wenig Platz eingeräumt, Ausnahme sind die zwei bis drei "Forum-Seiten", die für Beiträge von Wohnungslosen reserviert sind. Dies entspricht dem Selbstverständnis von Hinz & Kunzt, das kein "Betroffenheitsblatt", sondern ein Stadtmagazin sein will. Man kann sagen, daß Hinz & Kunzt soziale Themen über das Medium Kultur transportiert. Mit weiteren Projekten (der Wohnraumbeschaffung, rechtlicher Hilfe etc.) und durch die Mitgliedschaft im Arbeitskreis Wohnungslosenhilfe ist es Hinz & Kunzt gelungen, sich als Bestandteil der Wohnungslosenhilfe zu etablieren. Hinz & Kunzt kann als verkaufsorientierte Straßenzeitung eingestuft werden, es bietet immerhin mindestens 100-300 "festen" VerkäuferInnen die Möglichkeit, etwas dazuzuverdienen. Der TagesSatz, Kassel Der TagesSatz konzentriert sich auf regionale und bundespolitische soziale Thematiken plus etwas Kultur. Sein Anliegen ist es, Sprachrohr für sozial benachteiligte BürgerInnen zu sein, Mißstände publik zu machen und bei der Bevölkerung Solidarität zu wecken. Der TagesSatz ist eindeutig aufklärungsorientiert. Wohnungslooser, Michelstadt Die Inhalte befassen sich ausschließlich mit Wohnunglosigkeit und verwandten sozialen Themen. Die Berichterstattung der letzten Zeit befaßte sich hauptsächlich mit Aktivitäten des Vereins, vor allem dem geplanten Wohnungsbauprojekt. Damit tendiert die Zeitung vielleicht tatsächlich in Richtung einer "Fachzeitschrift für billiges Bauen". Durch die Zusammenarbeit mit Lobby e. V. sollen verstärkt Hintergrundinformationen gegeben werden. Der Wohnungslooser will Verständnis wecken für die Belange wohnungsloser Menschen, dennoch ist die Hauptintention nicht die Aufklärung, sondern auch den "Kollegen und Kolleginnen" auf dem Land ein Mittel zur Verfügung zu stellen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen[113]. Auch sollen durch Einnahmen aus der Zeitung weitere Projekte und die Arbeit des Vereins finanziert werden. Somit kann der Wohnungslooser sowohl den verkaufs- als auch den aufklärungsorientierten Straßenzeitungen zugeordnet werden. Das Dach, Chemnitz Inhaltlich sind soziale Themen bestimmend, die durch Kulturelles und Unterhaltung ergänzt werden. Damit sollen Informationen über Wohnungslosigkeit verbreitet und Verständnis bei der Bevölkerung geweckt werden. Da das neue Konzept erstmalig Anfang dieses Jahres umgesetzt wurde, konnten bislang noch keine Erfahrungen gesammelt werden, wie die Straßenzeitungen von Wohnungslosen und der übrigen Bevölkerung aufgenommen wird. Das Dach war und ist als eher aufklärungsorientierte Zeitung zu bezeichnen. 4. ANSPRUCH UND REALITÄT - UMSETZUNG DER ZIELVORSTELLUNGEN IN DER DISKUSSION4.1 EinleitungIm vorangegangenen Kapitel wurden vier ausgewählte Straßenzeitungen vorgestellt und in das Spektrum zwischen "Aufklärungsorientierung" und "Verkaufsorientierung" eingeordnet. Anhand dieser Beispiele soll nun die Umsetzung der selbstgesteckten Ziele erörtert werden. An erster Stelle steht das Prinzip "Hilfe zur Selbsthilfe". Was verstehen die Zeitungsinitiativen darunter? Wo spiegelt es sich in den Konzeptionen wieder? Die wichtigsten Aspekte der Hilfe zur Selbsthilfe werden in folgenden Unterabschnitten gesondert untersucht:
4.2 Hilfe zur Selbsthilfe4.2.1 Selbsthilfe - eine Definition"Hilfe zur Selbsthilfe", bei den vorgestellten Zeitungsprojekten durchgängig eines der obersten Ziele, ist ein Begriff, der häufig als Schlagwort verwendet wird. Das führt zu der Frage: Was versteht man eigentlich unter Selbsthilfe und was ist bei den einzelnen Projekten damit gemeint? Allgemein wird bei den Hilfesystemen unterschieden zwischen primärer Hilfe, d. h. private/familiale Solidarität und sekundären offiziellen Hilfesystemen. Unterstützung auf familiärer Ebene wird in unserer Gesellschaft zunehmend durch Institutionen, gesamtgesellschaftlich organisierte Funktionssysteme ersetzt (z. B. in den Bereichen Bildung, Erziehung, Altersvorsorge, d. h. auch und vor allem Sozialarbeit). Häufig sind kleinere Bezugssysteme bei auftretenden Lebenskrisen überfordert[114]. Die Lücke, die entsteht, wenn familiäre Hilfe nicht mehr und gesellschaftlich organisierte Hilfe noch nicht greift, kann durch Selbsthilfeinitiativen gefüllt werden. Unter Selbsthilfe versteht man das Prinzip, "eigene Probleme aus eigener Kraft bzw. gemeinsame Probleme mit gemeinsamer Anstrengung zu bearbeiten"[115]. Nach Pankoke ist organisierte Selbsthilfe ein "bewußtes Gegenkonzept zu bürokratisch oder professionell organisierter "Fremdhilfe", also eher alltagsorientiert. Selbsthilfegruppen haben die "Entwicklung der Sozialen Arbeit... geprägt und bereichert, allerdings nicht als Alternative zu ihren bestehenden Formen, sondern als Komplement."[116] 4.2.2 Hilfe zur Selbsthilfe bei StraßenzeitungenMit Ausnahme des Wohnungsloosers handelt es sich bei den Zeitungsprojekten nicht um Selbsthilfeprojekte im oben definierten Sinn. Beim Wohnungslooser ging die Initiative maßgeblich von Betroffenen aus, die sich zwar Unterstützung seitens der wohnenden Bevölkerung verschaffen konnten, das Projekt aber in Eigenregie leiten und organisieren. Die meisten anderen Straßenzeitungen wurden auf Initiative bzw. mit Unterstützung von sozialen Einrichtungen gegründet. Folglich werden die Macht und Entscheidungsgewalt hauptsächlich von anderen, d. h. Nicht-Wohnungslosen getragen[117]. Dies können Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe sein (so bei dem Dach/Chemnitz, der Kippe/Leipzig, dem BISS/Augsburg und früher bei mob/Berlin,) von sozialen Vereinen (z. B. TagesSatz) oder, wie in Hamburg, einer als gemeinnützig anerkannten GmbH, also einer marktwirtschaftlich organisierten Firma. Beim TagesSatz und beim Dach wird die Arbeit jedoch weitgehend ehrenamtlich geleistet, auch von Seiten der beteiligten SozialarbeiterInnen. Straßenzeitungen können als organisierte Hilfe zur Selbsthilfe oder "Fremdhilfezusammenschlüsse"[118] charakterisiert werden[119]. Es wird ein Medium angeboten mit der Erwartung, bei Betroffenen bestimmte Prozesse einzuleiten, die es ermöglichen sollen, ihre Lebenslage zu verbessern bzw. sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Die Definition, wie diese Hilfe zur Selbsthilfe konkret aussehen soll, ist bei den einzelnen Zeitungsprojekten unterschiedlich: Bei Hinz & Kunzt wird Selbsthilfe als ein Stufenmodell des Auf- bzw. Ausstiegs gesehen[120]. Dies kann ein Aufstieg innerhalb des Projekts sein: "Ex-Obdachlose im Vertrieb"[121] oder die neugeschaffene ABM-Stelle der angegliederten Wohnraumvermittlung oder auch ganz allgemein: "durch den Verkauf von Zeitungen die erste Hürde auf dem Weg zur eigenen Existenzsicherung... nehmen... Wer viel und regelmäßig Hinz & Kunzt verkauft, will in der Regel auch bald aus dem Sozialhilfebezug aussteigen."[122] Dazu wird Beratung und Hilfe bei der Wohnraumbeschaffung angeboten. Auch der Wohnungslooser sieht die Chance zu einem qualitativen Aufstieg gegeben: "Heute noch als Bettler am Straßenrand, morgen schon als selbstbewußter Verkäufer des Wohnungslooser"[123]. Der zusätzlichen Verdienst sei nicht nur Ansporn und Motivation, auch könnten sich Kontakte im Hinblick auf Wohnung und Arbeit ergeben. Es wird betont, daß hauptsächlich Menschen das Verkaufsangebot annehmen, die "sich nicht eingerichtet haben, die nie richtig abgestürzt sind"[124]. Teilweise lebten Menschen von den Verkaufseinnahmen. Der Herausgeber "Selbsthilfeförderverein Arbeit und Wohnen" gibt auch anderen potentiell die finanzielle Hilfe zur Selbsthilfe, d. h. Hilfe, sich als Klein-Unternehmer selbständig zu machen. Die TagesSatz -Redaktion formuliert etwas vorsichtiger: "Für einzelne kann diese Aufgabe ein Schritt auf dem Weg zu einer regulären Arbeit sein."[125] Weiter wird durch die Mitarbeit an der Zeitung Gelegenheit gegeben, eigene Erfahrungen mitzuteilen und ein Nebeneinkommen zu verdienen. In eine ähnliche Richtung geht Das Dach - auch hier wird der Verkauf zu einer Strukturierung des Alltags genutzt. Der hauptsächliche Anreiz für die VerkäuferInnen ist im Moment der finanzielle Aspekt. Zusätzlich wird erwartet, daß die durch den Verkauf entstehenden sozialen Kontakte mit wohnenden BürgerInnen die wohnungslosen MitarbeiterInnen ein Stück aus ihrer Isolation holen kann[126]. Zur Selbsthilfe gehören somit zwei hauptsächliche Säulen: Eine materielle Verbesserung In jedem Fall kann der Schritt vom Bettler zum Verkäufer eine qualitative Veränderung bedeuten. Ganz offensichtlich bietet die Zeitung einen konkreten materiellen Vorteil: ein halbwegs kalkulierbarer Verdienst zusätzlich zu Sozialhilfe, von der die meisten Wohnungslosen leben. Psychosoziale Auswirkungen 4.2.3 Kritische ZusammenfassungZusammenfassend läßt sich sagen, daß die Angebote von Straßenzeitungen (also vornehmlich der Zeitungsverkauf) der gesellschaftlichen Wiedereingliederung dienen sollen. Um dies zu erreichen, wird einerseits Beschäftigung angeboten, die eine materielle Verbesserung bedeutet (mehr dazu unter Punkt 4.3 und 4.4), andererseits werden psychosoziale Auswirkungen auf wohnungslose VerkäuferInnen erwartet, vor allem Steigerung des Selbstwertgefühls (genauer unter 4.5). Sowohl die Hilfe zur Selbsthilfe im Sinne konkreter materieller Mittel oder eines Einstiegs hin zu Arbeit als auch die erwünschten psychosozialen Auswirkungen orientieren sich somit stark an der einzelnen Person. Damit geht diese Form der organisierten Hilfe zur Selbsthilfe von einer individuellen Sichtweise und Problembewältigung aus. Es wird der Eindruck vermittelt, es gebe Wohnungslose, die sich selbst helfen (lassen) und aktiv sind und andere, die dem Bild des "Sozialschmarotzers" (Focus Nr. 43/95) entsprechen (siehe 4.3.3 Leistungsprinzip). Dabei ist die Gruppe der Wohnungslosen nur durch ein Merkmal, das der Wohnungslosigkeit und der damit einhergehenden Lebensumstände und Stigmatisierung homogen. Nicht jeder kann und will eine Straßenzeitung verkaufen oder redaktionell mitwirken. Dies wird z. B. daran deutlich, daß relativ wenige wohnungslose Frauen beteiligt sind[128]. Daher ist eine Individualisierung des Selbsthilfegedankens nach dem Motto "Jeder ist seines Glückes Schmied" nicht ausreichend. Der Selbsthilfegedanke umfaßt nicht nur die Befähigung des Einzelnen, seine Probleme künftig selbst lösen zu können, sondern auch die Schaffung von Gruppenbewußtsein, das eine nicht nur individuelle, sondern auch parteiliche Interessensvertretung fördert[129]. Allerdings meint Olk dazu, daß die "Stärkung der individuellen Handlungskompetenz und des Selbstvertrauens eine notwendige Voraussetzung für kollektive Artikulations- und Interessensvertretungsstrategien darstellt."[130] Ein solcher Ansatz der parteilichen Interessensvertretung würde erfordern: Straßenzeitungen sollten durch ihre Berichterstattung ein Gegengewicht zur übrigen Presse bilden. Inhalte und etwaige weitere Aktionen (z. B. Unterschriftensammlung) sollten aufklärend wirken. (mehr dazu unter 4.6) Die innere Struktur von Straßenzeitungen könnte allenfalls in einem kleineren, überschaubaren Rahmen demokratisch sein, ansonsten würde die Effizienz leiden. Allerdings sollten z. B. Journalisten interessierten Wohnungslosen ihre Erfahrung zur Verfügung stellen und weitergeben im Sinne einer aktivierenden Zusammenarbeit. Bislang ist die Hilfe zur Selbsthilfe bei Straßenzeitungen auf den einzelnen gerichtet. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es vermessen, den "Einstieg in den Ausstieg" zu propagieren, da die strukturellen Vorbedingungen (über sechs Millionen Arbeitslose, mangelnder günstiger Wohnraum) überhaupt nicht vorhanden sind. Zwar versucht beispielsweise Hinz & Kunzt und auch der Wohnungslooser Wohnräume und Arbeitsplätze zu akquirieren bzw. zu schaffen, doch können diese Initiativen nur wenige Personen mit dem Gewünschten versorgen. Diese Projekte können Vorbild oder Anstoß sein, über ihre regionale Bedeutung werden sie aber nur hinauswachsen, wenn Bund und Länder in die Pflicht genommen werden und sowohl rechtliche (z. B. durch Beschlagnahmung von leerstehendem Wohnraum) als auch finanzielle Unterstützung geben. 4.3 "Ich verkaufe die neueste Ausgabe der..." - Das Arbeitsangebot der Straßenzeitungen4.3.1 Welche Art von Beschäftigung bieten Straßenzeitungen an?Wohnungslose sind unterschiedlich intensiv an Straßenzeitungen beteiligt. Im Umfeld von Straßenzeitungen wird Beschäftigung in zweierlei Hinsicht angeboten: die redaktionelle Mitarbeit, welche das Verfassen von Artikeln, Zusammenstellung von Beiträgen und weitere Organisationsformen umfaßt, sowie die Organisation des Vertriebs und der Verkauf auf der Straße. Letzteres ist für die weitaus meisten der beteiligten Wohnungslosen die hauptsächliche Form der Beschäftigung. Der Verkauf durch Wohnungslose gehört zum Marktkonzept. Daher wird der Schwerpunkt dieser Betrachtungen auf den Bedingungen und Möglichkeiten des Verkaufs liegen. 4.3.1.1 Wohnungslose in der RedaktionDie redaktionelle Mitgestaltung ist bei Hinz & Kunzt sowie bei dem Dach größtenteils in der Hand von Zeitungen in ihren Zusammenhang einzuordnen (Kapitel 3). In Kapitel 4 werden die unterschiedlichen Konzeptionen der exemplarisch dargestellten Zeitungsinitiativen im Hinblick auf ihre Wirkung auf und für Wohnungslose verglichen. Werden die Zeitungen ihren selbstgestellten Ansprüchen und Zielen gerecht? Wie wirken sich konzeptionelle Unterschiede aus? Anschließend (Kapitel 5) soll versucht werden, die in Deutschland noch relativ junge Erscheinung der Straßenzeitungen in das konventionelle Hilfesystem einzu engagierten BürgerInnen, aber nicht von Betroffenen. Hinz & Kunzt bietet vergleichsweise in nur geringem Umfang die Möglichkeit für Wohnungslose, sich in der Redaktion zu beteiligen, d. h. sie können Beiträge für die "Forum"-Seiten zur Verfügung stellen. Bei dem Dach wurden in der Vergangenheit auch Beiträge, z. B. die eigene Lebensgeschichte, von Wohnungslosen geschrieben, in der "neuen" Dach ist kein Artikel dieser Art dabei, dies soll aber geändert werden. Die MitarbeiterInnen des TagesSatz verstehen sich als gleichberechtigtes Team. In jedem Heft sind Artikel von Betroffenen und Nicht-Betroffenen, die sich inhaltlich unterscheiden bzw. ergänzen (z. B. eigenes Schicksal gegenüber Wohnungssituation in Kassel). Der Wohnungslooser wird von ehemals Betroffenen geleitet. Hier sind eine Vielzahl an Beiträgen von Wohnungslosen dabei, aber auch von SozialarbeiterInnen, Architekten, Politikwissenschaftlern usw. 4.3.1.2 Wohnungslose verkaufen auf der StraßeDie Verkaufstätigkeit fällt ganz sicher in den Bereich "niedrigschwelliges Angebot", d. h. es sind neben dem Nachweis der Wohnungslosigkeit (bei Hinz & Kunzt und Dach, anders TagesSatz, Wohnungslooser: Bürger in sozialen Schwierigkeiten) weder besondere Voraussetzungen noch besondere Kenntnisse erforderlich. Die einzige Einschränkung der Niedrigschwelligkeit sind die Verkaufsregeln bei Hinz & Kunzt und dem TagesSatz, zu denen sich jede/r VerkäuferIn verpflichten muß. Die Verkaufsregeln dienen einerseits der Aufrechterhaltung eines positiven Images nach außen hin (z.B. nicht betrunken sein, keine Pöbelei), das "bürgerlichen" Werten entspricht. Andererseits wird eine Disziplinierung des Wohnungslosen im Alltag eingefordert. 4.3.2 Gesellschaftliche Wiedereingliederung4.3.2.1 Einstieg in ein geregeltes Leben - Arbeit mit ÜbergangscharakterHinz & Kunzt sieht die Verkaufstätigkeit als " Einstieg in ein geregeltes Leben", nach dem TagesSatz soll die Mitarbeit allgemein die "gesellschaftliche Reintegration" fördern, laut Wohnungslooser kann der Straßenverkauf den Betroffenen helfen, sich "wieder an ein geregeltes Leben zu gewöhnen", das Dach hat die Erfahrung gemacht, daß der Verkauf dazu beitragen kann, den Tag zu strukturieren. Der bei allen Projekten mehr oder minder (am wenigsten Das Dach) betonte Nutzen der Verkäufertätigkeit als "Einstieg" in Arbeit deutet auf einen Übergangscharakter des Beschäftigungsangebots hin. Ein Weiterkommen innerhalb eines Projekts ist nur für eine begrenzte Anzahl von Wohnungslosen möglich. Eine Festanstellung bei einer Zeitung ist nur für wenige möglich. Bei den hier vorgestellten Straßenzeitungen kommt dies allenfalls bei Hinz & Kunzt infrage, da bei den anderen Projekten weitgehend ehrenamtlich gearbeitet wird. Das Arbeitsangebot der Straßenzeitungen zum Zeitungsverkauf soll eine (legale) Handlungsalternative zum Betteln sein, d. h. konkurrierende Handlungsmöglichkeiten innerhalb einer Person darstellen[131]. Für diejenigen, die von dem Angebot Gebrauch machen, bietet sich zwar kein versicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis, aber finanzielle Vorteile. Damit wird ein neuer, höherer Standard unter den Wohnungslosen geschaffen. Dennoch kann, selbst bei einer langfristigen Absicherung bzw. Etablierung der Zeitungen, das Einkommen aus dem Zeitungsverkauf in der Regel nur ein Zubrot sein, keinesfalls eine gesicherte Lebensgrundlage. Ein weiterer "zweiter Arbeitsmarkt" ist entstanden. 4.3.2.2 Qualifizierung der MitarbeiterInnenQualitativ ist die Verkaufstätigkeit eine wenig anspruchsvolle, ungesicherte Arbeit, die keine besondere handwerkliche oder geistige Vorbildung erfordert. Diese Art von Arbeit knüpft wohl in den seltensten Fällen an bisherige berufliche Erfahrungen an[132]. Im Rahmen der Zeitungsproduktion naheliegende weitere Qualifizierungen, wie z. B. im Umgang mit Computern, der Verwaltung, der Druckerei, um die Chancen auf dem freien Arbeitsmarkt zu verbessern, werden wenig genutzt. Eine Ausnahme bildet der Wohnungslooser, der Arbeit, jedoch keine Ausbildung, in der angeschlossenen Druckerei bietet. Der Alltag gliedert sich für Wohnungslose in der Regel durch den obligatorischen Gang zum Sozialamt, der Beschaffung von Mahlzeiten und der Suche nach einem Schlafplatz[133]. Wohnungslose sind häufig jahrelang arbeitslos bzw. nehmen Gelegenheitsarbeiten an[134]. Den Tag mit einem bestimmten Ziel im Auge einzuteilen, nämlich wieviel Zeit für den Verkauf eingeplant werden muß, an welchem Platz verkauft werden soll (soweit dies nicht durch Vertriebsmitarbeiter vorgegeben wird), also im Hinblick auf die Erarbeitung des Lebensunterhalts bzw. eines Nebeneinkommens, kann durchaus sinnstiftend sein: Die selbstverantwortliche Tätigkeit hilft, den Tag zu strukturieren. Auch wenn der zeitliche Aufwand selbst bestimmt werden kann, hat der Wohnungslose hier eine Aufgabe, die einiges an Disziplin und Durchhaltevermögen abverlangt, so z. B. Kälte und Frustation zu ertragen, Verkaufsregeln einzuhalten. Diese Disziplin oder Anpassung ist eine Fähigkeit, die in Ansätzen auch in einem Angestellten- oder Arbeiterverhältnis erwartet wird. Insofern kann der Verkauf tatsächlich eine Auslese auf einem Minimalstandard zur Aufnahme einer regulären Arbeit fördern. Trotz der möglicherweise zu erlangenden persönlichen Voraussetzungen erfolgt keine weitergehende berufliche Qualifizierung. 4.3.2.3 Anschluß an den ArbeitsmarktEs ist sicher nicht selten, daß jemand aus dem Sozialhilfebezug aussteigen will. Um dies dauerhaft zu erreichen, ist aber ein geregeltes, verläßliches Einkommen notwendig, keine ungesicherte, nicht sozialversicherungspflichtige (und auch saisonabhängige!) Beschäftigung. Auf diese Weise können keine Ansprüche z. B. auf Arbeitslosengeld erworben werden. Was also kommt nach dem Zeitungsverkauf? Die neue Zusammenarbeit mit Beschäftigungsstellen und dem Arbeitsamt (ABM-Stellen) bei Hinz & Kunzt ist hier ein vergleichsweise weiterführender Ansatz mit größeren Perspektiven, da z. B. bei einer ABM-Stelle zumindest eine gesicherte Beschäftigung für in der Regel 1 Jahr angeboten wird. Die angeschlossenen Arbeitsprojekte des Wohnungsloosers sollen zu festen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen oder Kleinunternehmertum führen. Davon abgesehen, daß der Verein eine Absicherung im Falle eines Konkurses vermutlich schwerlich leisten könnte, ist dies ein Ansatz der zwar regional und auf wenige beschränkt ist, jedoch recht erfolgreich zu werden verspricht. Aus einer solchen Position wären die Chancen, eine Wohnung bzw. eine langfristige Arbeit zu erlangen ungleich größer. Auch das Sozialamt ist nach §19 BSHG verpflichtet, Arbeitsgelegenheiten zu schaffen. Dabei kann es sich um gemeinnützige oder zusätzliche[135] Arbeit handeln. Hierfür kann entweder ein Tariflohn oder eine "angemessene Entschädigung für Mehraufwendungen gewährt werden" (§19,2 BSHG). Bei letzterem handelt es sich meist um Stundenlöhne um die 2 DM. In keinem Fall wird ein Arbeitsverhältnis im rechtlichen Sinne begründet (§ 19,3 BSHG). Ohne Fortbildung besteht kaum Aussicht, Chancen im regulären Markt zu vergrößern. Andererseits muß man auch bedenken, daß angelernte Arbeiter in dieser Zeit der steigenden Arbeitslosigkeit ohnehin kaum realistische Chancen haben. Firmen reduzieren Personal, wo es nur geht, Neueinstellungen müssen herausragen, wenn die Auswahl besteht, steht ein Wohnungsloser sicher am Ende der Liste, ob qualifiziert oder nicht. Also doch alles nur Augenwischerei und falsche Hoffnungen? Die Gründung von Arbeitsprojekten und Beschäftigungsmaßnahmen jeder Art, ob von Arbeits- oder Sozialamt initiiert, erscheint unter Bedingungen von Massenarbeitslosigkeit wie blanker Hohn: Arbeitslose werden auch dann beschäftigt, "wenn ihre Arbeitskraft nicht mehr gebraucht wird."[136] 4.3.3 "Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen?" - Das LeistungsprinzipNeben den offensichtlichen finanziellen Einbußen durch Arbeitslosigkeit (nicht umsonst sind fast alle Wohnungslosen Sozialhilfeempfänger bzw. Empfänger von anderen Ersatzleistungen)[137] besteht damit einhergehend auch eine psychische und soziale Belastung durch Arbeitslosigkeit: Schulden, zunehmende Isolation, Gefühl der eigenen Wertlosigkeit usw. Arbeitslose sind depressionsanfälliger, stärker suizidgefährdet[138] - diese Probleme müssen sich bei Wohnungslosen noch potenzieren. Betont wird in allen dargestellten Projekten, daß Wohnungslose nicht mehr betteln müssen. Stattdessen haben sie ein Produkt anzubieten, so daß eine Käufer-Verkäufer-Beziehung entsteht[139]. Indem Wohnungslose als GeschäftspartnerInnen auftreten, erfahren sie soziale Anerkennung, die bettelnden oder nur "herumsitzenden" Wohnungslosen in der Regel nicht zuteil wird. Aus welchen Motiven wird die Zeitung aber gekauft? Dies wäre nur durch eine ausführliche Befragung von Käufern zu klären, die im Rahmen dieser Arbeit nicht durchführbar ist. Mögliche Gründe aber wären: (vgl. dazu Exkurs)[140] Die Zeitung hat einen gewissen Gebrauchs- oder Informationswert, sei es durch Veranstaltungshinweise oder sozialpolitische Berichterstattung. In diesem Fall würde die Zeitung aus Interesse gekauft. Eine andere Möglichkeit ist, daß Käufer die Aktivität des Verkäufers honorieren wollen ("Der tut was"), der somit dem landläufigen Klischee des "faulen Nichtsnutz" widerspricht. Hier wäre der Kauf eine Honorierung der "Arbeitsmoral". Oder für Käufer ist es einfacher, über ein Medium eine Spende zu geben. Hier wäre das Helfermotiv ausschlaggebend. Im ersten Fall wäre eines der Hauptziele von Straßenzeitungen, die Öffentlichkeit aufzuklären, Interesse zu wecken, erfüllt. Wird eine Zeitung unter dem zweiten Aspekt gekauft, würde damit unfreiwillig einer Aufteilung in "gute", d. h. "arbeitswillige" und "schlechte", d. h. "arbeitsunwillige" Wohnungslose Vorschub geleistet. Die "soziale Anerkennung" aus einem solchen Grund wäre äußert bedenklich, da es sich um eine zweckgebundene Wertschätzung handelte. Im dritten Fall würde der wohnungslose Verkäufer einer verfeinerten Form des Bettelns nachgehen. Der Verkauf durch Wohnungslose gehört zur Marketingstrategie, löste diese nur eine "veraltete Form des Bettelns" ab, in der die milde Gabe über ein Medium vergeben wird, würde dies den Zielen der Straßenzeitungen entgegenlaufen, wenn dies der einzige Grund wäre und die Zeitung nicht aus Interesse sondern Mitleid gekauft wird. Nicht jeder Wohnungslose kann oder will Zeitungsverkäufer werden. Liegt das vielleicht daran, daß sich diejenigen, die mitarbeiten "auf der Straße noch nie eingerichtet haben", wie der Wohnungslooser bemerkt[141]. Ähnliches meint auch Hinz & Kunzt: Wir wollen "...den Teil ansprechen, der noch nicht so weit weg ist von der Möglichkeit der Re-Integration in die Gesellschaft."[142] Ist also das Angebot doch nicht so niedrigschwellig, findet hier eine Auslese derjenigen statt, die (noch) die Fähigkeit und die Kraft haben, etwas zu versuchen? Damit könnte einer Auslese der Leistungsfähigsten, der Entstehung einer "Zwei-Klassen-Gesellschaft von Wohnungslosen" Vorschub geleistet werden: Die, die sich "bewährt" haben, können eventuell weitergeschleust werden. Die Gefahr der Spaltung einer Randgruppe wurde mittlerweile bei den Straßenzeitungen weitgehend erkannt und sie verstehen sich als Vertreter aller Wohnungslosen. Dies heißt aber noch nicht, daß Passanten einer solidarisierenden Sichtweise notwendigerweise folgen, die Gefahr ist folglich weiterhin gegeben. 4.3.4 ZusammenfassungDas Arbeitsangebot der Straßenzeitungen ist für Wohnungslose meistens gleichbedeutend mit Straßenverkauf. Trotz der teilweise aufgestellten Verkaufsregeln handelt es sich um ein niedrigschwelliges Arbeitsangebot. Es werden Versorgungslücken an Arbeit aufgezeigt und auf diesem niedrigen Niveau auch gedeckt. Ein weiterer "Zweiter Arbeitsmarkt" ist entstanden, der die Gefahr der Entstehung eines Substandards unter Wohnungslosen beinhaltet. Der Zeitungsverkauf ist eine Arbeit mit Übergangscharakter. Dies liegt einerseits in der Natur der Arbeit (kein sozialversicherungspflichtiges Verhältnis, ungeregeltes und unregelmäßiges Einkommen). Andererseits verfügen die Zeitungsinitiativen zum jetzigen Zeitpunkt nicht über die notwendigen, vor allem finanziellen Voraussetzungen, um für eine Weiterbildung ihrer MitarbeiterInnen zu sorgen. Auch eine Qualifizierung von Wohnungslosen, um zentrale Funktionen bei einer Zeitung übernehmen zu können, wäre wünschenswert. Daher kann der Zeitungsverkauf nicht mehr als eine Zwischenlösung sein: Zwar bietet er einen konkreten materiellen Nutzen, aber keine langfristigen Perspektiven. Eine Wiedereingliederung in den regulären Arbeitsmarkt ist fraglich, und ist allenfalls für Einzelne erreichbar. Dies liegt auch an der derzeitigen Arbeitsmarktsituation. Daher kann man nicht von mehr als einem Einstieg in ein geregeltes Leben sprechen; eine Behauptung Wohnungslose würden - quasi automatisch - durch den Zeitungsverkauf auf den Arbeitsmarkt geschleust, ist mangels struktureller Vorbedingungen unhaltbar. Auflagenstärkere Zeitungen wie Hinz & Kunzt und Wohnungslooser versuchen, selbst feste Arbeitsplätze zu schaffen. Diese Maßnahmen können zweifellos Vorbild sein. Mit ihren finanziellen Möglichkeiten kann dies aber nur im Einzelfall und von regionaler Bedeutung sein. Wo die Arbeitsangebote überbetont werden, folgen Straßenzeitungen tendenziell einer gängigen Ideologie von Arbeit, die soziale Anerkennung und gesellschaftliche Teilhabe von dem Status der Lohnarbeit abhängig macht. Die Zukunft liegt wieder in den Händen des einzelnen, strukturelle Zusammenhänge werden nicht bewußt gemacht: einer "wachenden Zahl von Menschen [wird, d. Verf.], strukturell die Möglichkeit vorenthalten, den an sie gestellten Erwartungen gerecht zu werden. Würde sich die Einsicht in diesen Zusammenhang als allgemeines gesellschaftliches Bewußtsein etablieren, so hätte dies unabsehbare destabilisierende Konsequenzen."[143] "Hier wird ein strukturelles Problem, das kennzeichnend ist für privatwirtschaftlich organisierte Produktions- und Gesellschaftsverhältnisse umdefiniert in individuelle soziale Hilfebedürftigkeit."[144] Folglich sollte die Bedeutsamkeit der Straßenzeitungen hinsichtlich der Arbeitsmöglichkeiten nicht überbewertet werden, obwohl sie Anstöße zum Umgang mit einem wachsenden Problem, das zunehmend mehr Menschen betrifft, geben können. Dennoch liegen ihre herausragenden Chancen in einem anderen Bereich, d. h. sie könnten als Verständigungsmittel zwischen wohnender und wohnungsloser Bevölkerung dienen, und so zur Ent-Stigmatisierung von Wohnungslosen beitragen. 4.4 Zusatzverdienst4.4.1 Die finanzielle Situation von Wohnungslosen - AllgemeinesWohnungslose leben üblicherweise von Sozialhilfebezug, Arbeitslosengeld, - hilfe oder Rente, wenige gehen einer Arbeit nach. Wenn doch, betrifft dies hauptsächlich die Bereiche Lager- und Transporttätigkeit, Bauhilfsarbeit, dies obendrein in aller Regel nicht kontinuierlich[145]. Zudem haben Wohnungslose nicht selten Schulden. Bei der Befragung von John aus den Jahren 1977-83 gaben von 83 Interviewpartnern 23% an, keine Schulden über DM 200, 77% hatten Schulden über DM 200. Die befragten Wohunungslosen hatten durchschnittlich Schulden von DM 7.700[146]. Hier soll lediglich der Umgang mit Sozialhilfe näher beleuchtet werden, da dies den Großteil der Wohnungslosen betrifft[147]. 4.4.2 Verdienst durch ZeitungsverkaufDer Verdienst durch den Zeitungsverkauf bzw. Autorenhonorar bewegt sich im Spektrum zwischen "Taschengeld" und "Finanzierung des gesamten Lebensunterhaltes". Bei der Befragung von 10 Berliner Verkäufern gaben diese ein durchschnittliches Einkommen von DM 50 pro Tag an[148]. In jedem Fall handelt es um kein beständiges, verläßliches Einkommen. Nach Angaben des Wohnungslooser gibt das Einkommen die notwendige Motivation, den Zeitungsverkauf durchzuhalten. Bei Hinz & Kunzt ist damit die Erwartung verbunden, daß VerkäuferInnen besser lernen, sich ihr Geld einzuteilen. Es ist nicht bekannt, ob Wohnunglose wirtschaften können oder dies tatsächlich erst lernen müssen. Diese pädagogische Intention könnte überflüssig sein und wäre zu überprüfen. Tatsache ist, daß VerkäuferInnen kleinunternehmerisch denken und planen müssen. Möglicherweise ist der Zeitungsverkauf besonders attraktiv für überschuldete Wohnungslose, deren Einkommen aus einer regulären Arbeit gepfändet würde. Eine weitere interessante Fragestellung wäre, ob der Zusatzverdienst eine etwaige Beschaffungskriminalität drogensüchtiger Wohnungsloser reduziert. 4.4.3 Anrechnung auf Sozialhilfe4.4.3.1 Die Natur der SozialhilfeDie meisten Wohnungslosen sind Bezieher von Sozialhilfe, d. h. für die außerhalb von Einrichtungen nach §72 BSHG Lebenden ist dies Hilfe zum Lebensunterhalt (HLU). Einen Rechtsanspruch auf Sozialhilfe hat jeder, "der seinen notwendigen Lebensunterhalt nicht oder nicht ausreichend aus eigenen Kräften und Mitteln, vor allem aus seinem Einkommen und Vermögen, beschaffen kann (§11,1 S. 1 BSHG). "Aufgabe der Sozialhilfe ist es, dem Empfänger der Hilfe die Führung eines Lebens zu ermöglichen, das der Würde des Menschen entspricht. Die Hilfe soll ihn soweit wie möglich befähigen, unabhängig von ihr zu leben; hierbei muß er nach Kräften mitwirken." (§1,2 BSHG) In Satz 2 des §1 wird die Befähigung zu Selbsthilfe angesprochen. Damit ist in der Regel die (Wieder-)Herstellung der Arbeitsfähigkeit gemeint[149]. Dazu sollen Arbeitsgelegenheiten geschaffen werden (§19 BSHG). Dabei ist die Sozialhilfe nicht nur gegenüber dem Einsatz von Einkommen und Vermögen sowie den eigenen Kräften, sondern auch den Leistungen anderer Träger (z. B. Krankenkasse, Arbeitsamt) nachrangig (§2 BSHG). Interessant für den Umgang der örtlichen Sozialhilfeträger mit den Einkünften aus dem Verkauf von Zeitungen ist Abschnitt 4 des BSHG, welcher sich mit dem Einsatz von Einkommen und Vermögen befaßt. "Zum Einkommen im Sinne dieses Gesetzes gehören alle Einkünfte in Geld oder Geldeswert..."(§76,1 S. 1 BSHG). "Das Einkommen ist voll auf den festgestellten Bedarf anzurechnen, als Hilfe wird nur der Unterschiedsbetrag zwischen Einkommen und Regelsatz gewährt."[150] 4.4.3.2 Derzeitige RechtspraxisDie sozialhilferechtliche Praxis begreift den Verdienst aus Zeitungsverkauf als anrechenbares Einkommen. Zum Teil bestehen rechtliche Ausnahmegenehmigungen, so z. B. in Hamburg und Chemnitz. Die folgende Auswahl der Städte nimmt Bezug auf die vier vorgestellten Zeitungsinitiativen. Hamburg Kassel In den Vertriebsrichtlinien wurde zudem eine grundsätzliche Möglichkeit angeführt, zu der VerkäuferInnen sich verpflichten müssen: Auf Grundlage des § 3 Nr. 26 EStG werden die Einkünfte aus dem Zeitungsverkauf als Aufwandsentschädigung für eine "nebenberufliche Tätigkeit zur Förderung gemeinnütziger, mildtätiger und kirchliche Zwecke" gesehen. Dies bedeutet, daß Einkünfte bis zu DM 2.400 jährlich (dies entspricht DM 200 pro Monat) nicht steuerpflichtig sind. Darüberhinausgehende Einkünfte müssen dem Finanz-, Arbeits-, bzw. Sozialamt gemeldet werden, wo sie gegebenenfalls angerechnet werden. Chemnitz Darmstadt 4.4.3.3 Für und wider einer AnrechnungSowohl Autorenhonorar als auch Einkünfte durch Zeitungsverkauf werden von Sozialämtern regelmäßig als anrechenbares Einkommen im Sinne des BSHG (§ 76) betrachtet. Generell ist der Nachweis über die erzielten Einkünfte schwierig, es besteht eine "Grauzone". Die einzige Möglichkeit, einen genauen Wert über die Einkünfte eines Wohnungslosen durch Zeitungsverkauf zu erhalten, wäre, bei der jeweiligen Zeitung nachzufragen. Damit würden aber die Zeitungsinitiativen zu einer weiteren Kontrollinstanz, hier eine des Sozialamtes. Allerdings gilt allgemein, daß der Sozialhilfeträger im Einzelfall nach pflichtmäßigem Ermessen zu prüfen hat (§3 und 4 BSHG). Eine pauschalisierende Anrechnung von zusätzlichem Einkommen durch Zeitungsverkauf ist daher abzulehnen. Schon im allgemeinen Teil des BSHG wird gefordert, der Empfänger von Sozialhilfe soll nach seinen Kräften mitwirken, zukünftig unabhängig von der Hilfe zu leben. Dies zielt regelmäßig auf eine berufliche Tätigkeit ab. Es besteht die Möglichkeit, die "Arbeitsbereitschaft zu prüfen" oder den Hilfeempfänger an "Arbeit zu gewöhnen" (§20 BSHG). Dazu sollen Arbeitsgelegenheiten geschaffen werden, welche "in der Regel von vorübergehender Dauer und für eine bessere Eingliederung des Hilfesuchenden in das Arbeitsleben geeignet sein" sollen (§19,1 BSHG). Für die Verrichtung von "gemeinnütziger und zusätzlicher" Arbeit kann "das übliche Arbeitsentgelt oder Hilfe zum Lebensunterhalt zuzüglich einer angemessenen Entschädigung für Mehraufwendungen gewährt werden" (§19,2 BSHG). Eine Reduzierung der Einkünfte würde niemandes "Arbeitsbereitschaft fördern". Die zweite Alternative der Vergütung wäre im Fall der Straßenzeitungen die relevante, gesteht man Straßenzeitungen zu, daß sie Selbsthilfekräfte aktivieren. Denkbar ist, die Mitarbeit bei Straßenzeitung als "Arbeitsgelegenheit" im Sinne des §19 BSHG einzustufen. Somit könnte das Einkommen als "Entschädigung für Mehraufwendungen" gerechnet werden. Allerdings bestünde dann die Gefahr, daß Straßenzeitungen benutzt werden, um Sozialhilfeempfänger zur Arbeit zu verpflichten, was den Interessen von Straßenzeitungen widersprechen würde. Eine weitere Möglichkeit der Regelung wäre, im Einzelfall das Einkommen zu nutzen, um die Voraussetzungen zu schaffen, künftig unabhängig von Sozialhilfe zu leben. Vorstellbar wäre beispielsweise, Schulden abzutragen, um bei einer Bewerbung um einen festen Arbeitsplatz nicht von Lohnpfändung bedroht zu sein. Das zusätzliche Einkommen könnte auch genutzt werden, um z. B. freiwillig Beiträge zur Rentenversicherung zu zahlen. Letzeres ist nach §14 BSHG nur eine "Kann-Leistung"[151]. Die Möglichkeit, nach dem Einkommenssteuergesetz einen Verdienst bis DM 2.400 pro Jahr anrechnungsfrei zu halten, würde jeder Straßenzeitung offenstehen, die als "gemeinnützig" (wie Hinz & Kunzt, Verein Arbeit und Wohnen/Wohnungslooser) oder "mildtätig" (Sozial-kultureller Förderverein/TagesSatz) anerkannt ist. Es wäre Aufgabe der jeweiligen Träger von Straßenzeitungen, mit dem zuständigen Sozialamt eine Regelung auszuhandeln, die den Straßenverkauf einer Arbeitsgelegenheit im Sinne des § 19 BSHG gleichstellt (falls dies gewünscht wird) oder Argumentationshilfen für eine Einzelfallregelung zu bieten. 4.4.4 ZusammenfassungDie materiellen Vorteile, die sich aus dem Zusatzverdienst ergeben, können genutzt werden, den VerkäuferInnen eine höhere Lebensqualität zu verschaffen. Hier sei noch einmal auf die Gefahr der Entstehung eines Substandards hingewiesen. Einkünfte aus dem Zeitungsverkauf werden von Sozialämtern regelmäßig als Einkommen im Sinne des BSHG betrachtet. Allerdings stehen mehrere Lösungen zur Verfügung, den Zusatzverdienst den VerkäuferInnen wenigstens teilweise zu überlassen: Eine Sonderregelung mit dem zuständigen Sozialhilfeträger (wie in Hamburg), den Verweis auf Aufwandsentschädigung bei Tätigkeiten für einen gemeinnützigen oder mildtätigen Zweck (Kassel) oder, wenn auch aufwendiger, eine individuelle Regelung. Wünschenswert wäre ein Informationsaustausch der Straßenzeitungen untereinander, um zu einer bundesweiten einheitlichen Regelung zu gelangen, welche die Interessen von wohnungslosen VerkäuferInnen berücksichtigt. Sicher ist, daß eine volle Anrechnung nicht zur Motivation von VerkäuferInnen beiträgt. Würden aber dem Sozialamt gegenüber Informationen verschwiegen, machten sich zum einen VerkäuferInnen strafbar, zum anderen trüge dies nicht zu einem vorurteilsfreieren Verhältnis zwischen wohnungslosen BürgerInnen und dem Hilfesystem bei. 4.5 Psychosoziale Auswirkungen - Sind Straßenzeitungen Selbstwertprojekte?4.5.1 Selbstwertgefühl - was ist das?Die in den Darstellungen von Straßenzeitungen beschriebene "Steigerung des Selbstbewußtseins" meint nicht den psychologischen Begriff des "Ich-Bewußtseins" im Gegensatz zu anderen Personen. Vielmehr wird "Selbstbewußtsein" eher umgangssprachlich verwendet, meint also den Selbstwert. Zwar gibt es in der psychologischen Literatur keine einheitliche Begriffsbestimmung von "Selbstwertgefühl", eine Arbeitsdefinition nach Frey und Benning (1983) und Fillipp und Frey (1987) soll hier jedoch als Grundlage gegeben werden. "Das Selbstkonzept ist die Summe der Urteile einer Person über sich selbst (z. B. "ich bin intelligent"). Die affektiven Beurteilungen dieser einzelnen Ansichten über die eigene Person, d. h. deren positive bzw. negative Bewertungen, werden Selbsteinschätzungen genannt.... Das Selbstwertgefühl wiederum ergibt sich als Summe der gewichteten Selbsteinschätzungen."[152] Der Aufbau sowie Veränderungen des Selbstkonzeptes erfolgen auf der Grundlage von Beobachtungen eigenen Verhaltens und eigenen physiologischer und emotionaler Zustände. Die zweite Quelle sind "...Rückmeldungen über eigenes Verhalten oder eigene Eigenschaften aus der sozialen Umwelt bzw. direkte und indirekte Prädikatenzuweisungen."[153] 4.5.2 Soziale Kontakte von WohnungslosenUntersuchungsergebnisse deuten darauf hin, daß die soziale Situation von Wohnungslosen vorwiegend von Kontaktarmut und Isolation bestimmt ist. 80% der von Wickert (1976) befragten Wohnungslosen bezeichnen sich als "einsam", sich auf diese Untersuchung beziehend, spricht John von "stark erhöhten Depressionswerten"[154]. Johns eigene Befragung von 105 Wohnungslosen ergab, daß 75,7% der Befragten Kontakt zu beiden Elternteilen verloren hatten, den Kontakt zu einem Elternteil 17,5%[155] . Zu weiteren "wichtigen Verwandten" (bewußt offene Definition) hatte etwa die Hälfte Kontakt. 61,1% gaben an, überhaupt keine Freunde/Freundinnen zu haben, die übrigen 38,1% hatten durchschnittlich 2,8 Freunde/Freundinnen[156]. Die Sozialkontakte zu ebenfalls von Wohnungslosigkeit betroffenen, scheinen hauptsächlich durch materielle Solidarität bestimmt. John spricht von einer Beziehungsstruktur, "die auf einer gemeinsamen Notökonomie, vorwiegend ohne intensivere menschliche Beziehungen, zugleich verbunden mit Elementen starker Ausbeutung und Unterdrückung beruht."[157] Weitere Beziehungen bestehen "zur Sozialverwaltung, zur Arbeitsverwaltung, zu den Einrichtungen und überhaupt zum Hilfesystem, darüberhinaus zu den Ordnungsbehörden, zur Polizei, zu den Gerichten zu den verschiedenen Arbeitgebern, ... zu bestimmten Gaststätten und Lokalen..." Die Gestörtheit dieser Beziehungen springt förmlich ins Auge - von beiden Seiten Vorurteile, taktischer Umgang miteinander, wohl auch Furcht.[158] 4.5.3 Das Selbstbild von WohnungslosenNach Wickerts Ergebnissen wurden Abwertungen der Außenwelt ("taugen nichts", "kriminell", "arbeitsscheu" usw.[159]) kaum ins Selbstbild übernommen. "Der relativen Zufriedenheit mit der eigenen Person steht aber eine sehr starke Unzufriedenheit mit dem derzeitigen Leben gegenüber, das Leiden an der Ablehnung der eigenen Person durch die Umwelt steht dabei im Vordergrund."[160] Demgegenüber beobachtete Girtler auch "einige negative Aspekte im Selbstbild der Wohnungslosen...so die Auffassung, sie seien an ihrem Elend selbst schuld."[161] Soziale Normen von Wohnungslosen entsprechen nach Wickert den gesellschaftlichen Werten: So beurteilten beispielsweise 100% der Befragten "arbeitsscheu" als "schlecht" und "Hilfsbereitschaft" als "gut".[162] 4.5.4 "Heute noch Bettler am Straßenrand - morgen schon selbtbewußter Verkäufer..."[163] Steigerung des Selbstwerts durch Zeitungsverkauf?Ein Steigerung des Selbstwerts ist abhängig von eigenen, als positiv eingeschätzten Erfahrungen, und Fremdeinschätzungen. Aufhebung der Isolation Zu wohnenden Menschen haben Wohnungslose in der Regel wenig Kontakt, es sei denn in "institutionalisierten" Bereichen, d. h. zu SozialarbeiterInnen etc. Durch den Verkauf einer Straßenzeitung ergeben sich gelegentlich Kaufgespräche, die der Ausgrenzung von Wohnungslosen entgegenwirken sollen. Auch ergeben sich Kontakte zu wohnenden und wohnungslosen KollegInnen. Ob dies eine Identifikation mit dem Projekt oder die Entstehung eines "Gruppenbewußtseins" (vgl. 4.1.3, S. 25) fördert, müßte durch eine VerkäuferInnenbefragung geklärt werden. Weitergehende Kontakte, gar Freundschaften bis Vermittlung von Arbeit und Wohnung bei StammverkäuferInnen sind jedoch wohl allenfalls Einzelfälle. Wieviel ein eventuelles Kaufgespräch als Schritt aus der Isolation ausmacht, ist fraglich, allerdings weitet sich dadurch zweifelsohne der Kreis von Kontakten außerhalb der "Szene". Soziale Anerkennung Dabei tut es für den Effekt wenig zur Sache, wenn die Anerkennung auf gesellschaftlichen zugrundeliegenden Wertvorstellungen beruht, die anscheinend von Wohnungslosen geteilt werden (siehe 4.4.3). Verkäuferregeln sorgen dafür, daß ein bestimmtes Bild aufrechterhalten wird, beispielsweise, wenn während des Verkaufs kein Alkohol getrunken werden soll. Auch eigene Werte werden honoriert, z. B. "ich bin nicht faul". Erfolgserlebnis durch Arbeit "Ein Leben ohne Arbeit ist kein Leben"[164] - Persönliche Zufriedenheit Die Reaktionen der Öffentlichkeit scheinen eher positiv zu sein und somit zu einem Abbau von Vorurteilen und einer Ent-Stigmatisierung von Wohnungslosen beitragen. 4.5.5 ZusammenfassungDie angeführten möglichen Auswirkungen beruhen auf den Beobachtungen und Erlebnissen von MitarbeiterInnen von Straßenzeitungen. Um Genaueres zu erfahren, müßte man mit den VerkäuferInnen selbst sprechen. Insgesamt scheint es durchaus wahrscheinlich, daß anerkennende Reaktionen von KäuferInnen sowie der eigene Beitrag zum Lebensunterhalt das Selbstbild Wohnungsloser positiv verstärken. 4.6 Öffentlichkeitsarbeit/Die Wirkung in und für die Öffentlichkeit4.6.1 Präsenz der Straßenzeitungen im StadtbildIn fast jeder größeren Stadt gibt es mittlerweile eine Straßenzeitung, sie sind also durchaus flächendeckend. Vermögen Straßenzeitungen es, Interesse bei vorbeihastenden Berufstätigen, EinkäuferInnen zu wecken? Können Straßenzeitungen durch ihre bloße Präsenz im Stadtbild Passanten neugierig machen auf Menschen, an denen man gewöhnlich vorbeisieht? Erfahrungen von Verkäufern sprechen dafür, der Wiedererkennungswert der Blätter ist hoch. Dies könnte dazu beitragen, Wohnungslose im Stadtbild zu etablieren und nicht mehr einen störenden Anblick in ihnen zu sehen. Inwiefern eine solche Wirkung Einfluß auf das soziale Klima nehmen könnte, ist an dieser Stelle allerdings nicht zu klären. 4.6.2 Kreuzworträtsel und Wohnungsnot - Inhaltliche AspekteAlle dargestellten Straßenzeitungen bringen Wohnungslose und ihre Lebensrealität in wesentlich stärkerem Maße in die Öffentlichkeit, als dies in der allgemeinen Presse der Fall ist. Auf den Forum-Seiten von Hinz & Kunzt berichten einzelne Wohnungslose über ihr Leben, schreiben Grüße und Gesuche. Der Wohnungslooser enthält hauptsächlich Berichte über eigene Aktionen, Kommentare zum Tagesgeschehen. Im TagesSatz gibt es sowohl Erfahrungsberichte als auch Information über (vor allem regionales) politisches Geschehen. Im Dach finden sich Berichte über Aktionen des Tagestreff und sozialpolitische Informationen, das Blatt ist Bestandteil der Öffentlichkeitsarbeit des Tagestreff. Die Art der Berichterstattung im Bereich Wohnungslosigkeit läßt sich kategorisieren in:
Im Vergleich zur allgemeinen Presse wird bei Straßenzeitungen eine ungeliebte Realität thematisiert. Kann dies in der Bevölkerung zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit Wohnungslosigkeit führen, bestehende Vorurteile abbauen? Eine etwaige Wirkung auf die Tagespresse wurde von Nandelstädt und Stoewahse in Berlin untersucht. Anhand von drei Berliner Tageszeitungen wurde geprüft, ob durch die Entstehung der Straßenzeitungen verstärkt Themen der Wohnungslosigkeit aufgegriffen wurden. Diese These konnte nicht bestätigt werden, im Gegenteil, es scheint, daß seit 1993 das Thema Wohnungslosigkeit generell stärker im Bewußtsein der Presse war und so den Boden für den Erfolg von Straßenzeitungen mit bereitet hat[166]. Nichtsdestotrotz haben Straßenzeitungen das Potential zu einer alternativen parteilichen Presse für Wohnungslose (vgl. dazu 5.2.2). Es genügt nicht, durch emotionalisierende Berichte Mitleid zu wecken, selbst wenn dies eine besonders wirkungsvolle Möglichkeit darstellt, LeserInnen anzusprechen[167]. Nicht Mitleid, sondern Interesse soll geweckt werden[168]. Stellt eine Straßenzeitung nicht Wohnungslosigkeit in den Mittelpunkt, bedeutet dies eine Verschwendung der Möglichkeiten des Mediums Zeitung. Diese Anforderung wird von Hinz & Kunzt tendenziell nicht erfüllt. Deren Argumentation, möglichst vielen Wohnungslosen den Verkauf zu ermöglichen, ist insofern ein Trugschluß, als Sraßenverkauf keine weitergehenden Perspektiven eröffnen kann. Ginge es nur um ein zusätzliches Einkommen für Wohnungslose, könnte stattdessen z. B. auch der Verkauf von Sandwiches für Berufstätige oder handgestrickte Pullover organisiert werden. Dies würde eher auf ein "Spendenbeschaffungsprogramm" zur Finanzierung von z. B. Wohnprojekten hinauslaufen. Der Wohnungslooser scheint im Mittelfeld zu balancieren. Ähnlich wie Das Dach enthalten die mir vorliegenden Ausgaben schwerpunktmäßig "Eigenwerbung", d. h. Berichte über eigene Angebote und Projekte, Wohnungslosigkeit ist das Leitthema. Als alternative Presse kann mit vollem Recht der TagesSatz gelten, der fundierte Informationen ohne Effekthascherei gibt. 4.6.3 Das Image - Konkurrenz oder Zusammenarbeit?"Stuttgart: Zeitungsfehde um Straßenverkäufer - Marktpionier "Prisant" wirft Neuling "Trott-War" Abwerbung von Mitarbeitern vor - Fusionsplan gescheitert" (WL Ausgabe Mai/Juni 1995) "... Die Obdachlosenzeitungen gefährden durch einen gnadenlosen Konkurrenzkampf ihre Existenz" (Tagesspiegel, Berlin, 23.05.1995) Schlagzeilen wie diese zeugen von Absatzproblemen, Streit ums Image und Konkurrenzdenken. Daß eine solche Haltung weder den Straßenzeitungen nützt noch den Wohnungslosen, wurde inzwischen erkannt. Im Herbst 1995 fand auf Einladung der BAG Wohnungslosenhilfe und der evangelischen Akademie Loccum ein erstes bundesweites Treffen der Straßenzeitungen statt. Über 50 TeilnehmerInnen von 20 Straßenzeitungen folgten der Einladung. Nach einer gegenseitigen Vorstellung wurden die vielfältigen Probleme der alltäglichen Arbeit diskutiert. Ergebnisse waren[169]
Es ist zu begrüßen, daß diesem Treffen weitere folgen sollen. Durch Absprachen und Kooperation erhöhen sich die Chancen, sozialpolitischen Forderungen mehr Gewicht zu verleihen. 4.6.4 ZusammenfassungMit der Veröffentlichung in fast jeder größeren deutschen Stadt und einer Gesamtauflage von 400.000 Stück im Monat decken Straßenzeitungen das ganze Bundesgebiet ab. Die Zeitungsinitiativen sind auf unterschiedlichste Weise entstanden und gewachsen und haben alle ihre Existenzberechtigung. Sie sind nicht einheitlich, verfolgen aber gemeinsame Ziele. Ein erster Schritt zu mehr Kooperation wurde durch die Tagung in Loccum bereits getan. Diese Richtung muß weiter verfolgt werden, ohne den pluralistischen Formen abzuschwören. Darin liegt ihre Chance, unter Ausnutzung ihrer Potentiale zu einer Gegenöffentlichkeit zu werden, die nicht nur den Status Quo erhält/beschreibt, sondern Forderungen an die Politik, insbesondere Wohnungspolitik, stellt. Sie haben die Chance, Bewußtsein zu schaffen oder verändern, es darf beispielsweise gesellschaftlich nicht mehr akzeptabel sein, Wohnungen leerstehen zu lassen. Diese Eigenschaft der Straßenzeitungen geht über die Hilfe für den einzelnen hinaus. 4.7 FazitDen einzelnen wohnungslosen VerkäuferInnen bieten Straßenzeitungen Hilfe zur Selbsthilfe, die der Wiedereingliederung in die Gesellschaft dienen soll. Selbsthilfe im Verständnis der Straßenzeitungen basiert (wie 4.2.2 und andere dargelegt) im wesentlichen auf zwei Säulen: Erstens bieten Straßenzeitungen ein niedrigschwelliges Arbeitsangebot, dies meint hauptsächlich den Zeitungsverkauf. Damit eingeschlossen ist die materielle Verbesserung, die durch den zusätzlichen Verdienst entsteht. In vielen Städten wird der Zusatzverdienst nicht oder nur teilweise auf die HLU angerechntet (vgl. xxx). An dieser Stelle sei noch einmal auf die Gefahr der Entstehung einer Zwei-Klassen-Gesellschaft innerhalb der Wohnungslosen hingewiesen, einerseits durch finanzielle Vorteile, andererseits durch die öffentliche Anerkennung, die auf das Entgegenkommen von "bürgerlichen" Werten (siehe 4.3.3 Leistungsprinzip) folgen kann. Die Tätigkeit als ZeitungsverkäuferIn wird regelmäßig als "Einstieg" zur Aufnahme eines festen Arbeitsverhältnisses propagiert. Wo in den Medien schon von "Arbeitslosigkeit als Massenschicksal" die Rede ist, wird das Ziel, Wohnungslose auf den Weg in reguläre Arbeitsverhältnisse zu schleusen, irreal. Bei der jetzigen höchsten Arbeitslosenzahl seit Bestehen der Bundesrepublik, sind Wohnungslose kaum mehr als letzte Wahl. Daher können Straßenzeitungen den Bedarf an Arbeitsplätzen trotz teilweise angeschlossener Arbeitsprojekte kaum befriedigen. Wohl aber zeigen sie die Notwendigkeit der Schaffung von Arbeitsplätzen speziell für diese Zielgruppe bzw. die Auswirkungen einer hilflosen Arbeitsmarktpolitik auf. Zweitens wird über mehrere Faktoren eine Stärkung des Selbstwertgefühls des Einzelnen erwartet. Die - noch viel zu seltene - redaktionelle Mitarbeit von Wohnungslosen ermöglicht es, deren Anschauungen in die Öffentlichkeit zu bringen, Beachtung zu finden, die dieser gesellschaftlichen Randgruppe wenig gegeben wird. Das Arbeitsangebot hilft Wohnungslosen, selbst zu ihrem Lebensunterhalt beizutragen, was zu einem Bewußtsein des Werts der eigenen Arbeitskraft beitragen kann: Es ist nicht mehr notwendig, sich auf Almosen zu verlassen - auch der rechtmäßige Bezug von HLU läßt einige Wohnungslose sich als Bittsteller fühlen. Gesellschaftlich anerkannt ist bislang nur eine Arbeit die mit Erwerbseinkommen verbunden ist, und nicht, inwiefern sie befriedigend ist. Allerdings könnte eine Bestätigung des Selbstwerts durch eine als sinnvoll erlebte Betätigung, zu einer Verbesserung der Lebenslage Wohnungsloser beitragen. Solange einer individualisierten Sichtweise statt dem Erkenntnisgewinn von struktureller Verursachung (Arbeitsmarktlage, verfehlte Wohnungspolitik) der Vorzug gegeben wird, können Straßenzeitungen in dieser Hinsicht nicht mehr als eine mittelfristige Zwischenlösung sein. Über eine individualisierende Sichtweise hinaus kann jedoch die Öffentlichkeitsarbeit wirken, wenn diese nicht ausschließlich durch personalisierende, mitleidheischende Berichte verwirklicht wird. Die auf der Tagung in Loccum eingeschlagene Richtung, die Kräfte der Straßenzeitungen zu bündeln, beinhaltet die Chance, zu einer Gegenöffentlichkeit zu werden. Diese alternative Öffentlichkeit könnte einerseits dem Abbau von Vorurteilen zwischen wohnungsloser und wohnender Bevölkerung dienen und andererseits für Unterstützung langfristiger sozialpolitischer Forderungen werben. Der Spielraum der Straßenzeitungen wird nach diesem Erkenntnisstand noch nicht voll ausgeschöpft. 5. STELLENWERT DER ZEITUNGSINITIATIVEN IN DER WOHNUNGSLOSENHILFE5.1 EinleitungAn dieser Stelle soll versucht werden, die Bedeutung der Straßenzeitung in und für die Wohnungslosenhilfe darzulegen/zu erörtern. Einer Kurzdarstellung der Methoden und Angebote der Wohnungslosenhilfe folgen Betrachtungen zum Verhältnis der beiden Dienste, basieren auf folgenden Leitfragen: Welche formales Grundverständnis kann dieses Verhältnis bestimmen? Welche Funktionsbereiche werden (auch) von Straßenzeitungen gedeckt, welche nicht mehr? Wo werden Lücken in der Wohnungslosenhilfe aufgezeigt? In welchen Bereichen benötigen Straßenzeitungen Unterstützung und in welchen kann umgekehrt die professionelle Hilfe von ihnen profitieren? 5.2 Die Grundzüge der WohnungslosenhilfeRechtliche Grundlage ist hauptsächlich §72 BSHG und dessen Verwaltungsverordnung. Darin werden Art und Umfang der möglichen Maßnahmen beschrieben: Diese reichen von Beratung und persönlicher Betreuung (§7 VO zu §72 BSHG), über Hilfen zur Beschaffung und Erhaltung einer Wohnung (§8 VO zu §72 BSHG), Erlangung und Sicherung eines Arbeitsplatzes (§9 VO zu §72 BSHG), Ausbildung (§10 VO zu §72 BSHG) bis zu Hilfe zur Begegung und zur Gestaltung der Freizeit (§11 VO zu §72 BSHG). Methodische Ergänzung dazu ist Schuldenregulierung sowie die Vermittlung therapeutischer Hilfen im individuellen Bedarfsfall[170]. Diese Aufgaben werden folgenderweise umgesetzt: "Die Spanne der praktischen Angebote reicht von Streetwork, Teestuben oder Tagesaufenthaltsstätten mit Beratungsangeboten, von Angeboten zum selbstorganisierten Leben und Wohnen über Fachberatungsstellen zur individuellen Wohnungsversorgung und persönlicher Betreuung bis zu teilstationären und stationären arbeits- und sozialtherapeutischen Angeboten."[171] Die notwendigen Bausteine für aufeinander aufbauende Angebote sind also gegeben, sie erstrecken sich von niedrigschwelliger Streetwork und "Teestuben", d. h. ersten Anlaufstellen bis zu betreuten Wohneinrichtungen. Somit ist ein breites Spektrum an Hilfeleistungen möglich, die - idealerweise im Rahmen eines Gesamtplanes - auf den einzelnen zugeschnitten werden können. Die strukturellen Bedingungen sind allerdings nicht nur von Bundesland zu Bundesland, sondern auch von Stadt zu Stadt verschieden. Leere Kassen und die bekannte, noch immer übliche Vertreibungspolitik, auf die ich hier nicht näher eingehen werde, bewirken regionale Unterschiede in der Versorgung mit Angeboten. 5.3 Das Verhältnis von Straßenzeitungen und WohnungslosenhilfeStraßenzeitungen und die Wohnungslosenhilfe verfolgen teilweise gemeinsame Ziele, so die Maxime, Selbsthilfekräfte unter Wohnungslosen zu aktivieren. Im folgenden wird dargestellt, wo sich Angebote überschneiden bzw. ergänzen. Im Sinne des BSHG wird das formale Verhältnis vom Subsidiaritäsprinzip bestimmt. 5.3.1 SubsidiaritätHistorisch gesehen verlangt das Subsidiaritätsprinzip gemäß liberaler Denktradition, daß "Sicherung und Gestaltung der eigenen Existenz vornehmlich dem einzelnen Individuum selbst und seiner Initiative überlassen bleibt. Die Verantwortlichkeit der Gemeinschaft, des Staates, ist dagegen auf Ausnahmesituationen beschränkt und tritt nur ein, wenn die Mittel des Individuums und seiner Familie nicht hinreichen."[172] Hinter der Neubelebung der Subsidiarität verbergen sich zwei ganz unterschiedliche politische Zielvorstellungen[173]. Aus konservativer Sicht erscheint Selbsthilfe, die meist mit unentgeltlicher ehrenamtlicher Tätigkeit verbunden ist, als eine bequeme und billige Lösung. Wenn das Recht auf sozialstaatliche Leistungen, wie z. B. HLU, nicht in Anspruch genommen wird, entlastet dies die Staatskasse. Ein weiteres Motiv für die Entstehung von Selbsthilfeinitiativen der verschiedensten Art entstand aus der Kritik sowohl an staatlichen als auch "quasi-staatlichen" (den großen freien Wohlfahrtsträgern) Hilfesystemen, deren bürokratische Struktur zu unflexibel erschien[174]. Dabei bedeutet Selbsthilfe nicht nur quantitative Entlastung der öffentlichen Kosten, sondern wird auch als die qualitativ "humanere" Alternative gesehen, da sie Kompetenzen der jeweils näheren Lebenskreise erhält[175]. Rechtlich verankert ist das Subsidiaritätsprinzip im Sozialgesetzbuch. Der Vorrang freier Träger betrifft hauptsächlich die großen Wohlfahrtsorganisationen wie Caritas, AWO. Eine Einschränkung öffentlicher Hilfen mit der Begründung, der Betroffene könne sich besser selbst helfen, bewirkt eine neue Zunahme von Not. Selbsthilfe in diesem Sinne bedeutet eine Reprivatisierung sozialer Risiken[176]. Eine konstruktive Grundhaltung im Umgang mit Selbsthilfeiniitativen schlägt Brunn vor: Eine Entwicklung des Sozialstaates, die mehr Formen eigenverantwortlicher Ausgestaltung zuläßt, ohne die soziale Sicherheit in den Grundzügen einzuschränken. "Soziale Strukturen müßten so selbsthilfefreundlicher gemacht werden, ohne Menschen erneut materieller Not auszusetzen." Dies würde eine Stärkung der Eigenverantwortlichkeit voraussetzen, ebenso wie die Finanzierung und Beratung, und professionelle Unterstützung von Selbsthilfeprojekten[177]. Gleichzeitig haben Straßenzeitungen eine gewisse Verantwortung für ihre MitarbeiterInnen/VerkäuferInnen: Es entwickeln sich persönliche Kontakte und Vertrauen, Erwartungen werden geweckt (siehe Kapitel 6). So sehr private und ehrenamtliche Initiative zu begrüßen ist, sie reicht nicht aus. Der Staat darf nicht aus der Verantwortung entlassen werden. Allerdings kann nicht auf staatliche Intervention gewartet werden; die Notlage ist JETZT da, spürbar. Selbsthilfeinitiativen wie Straßenzeitungen machen darauf aufmerksam. 5.3.2 SelbsthilfeZentrale Zielvorstellung sowohl der Wohnungslosenhilfe als auch der Straßenzeitungen ist das Ideal, daß Wohnungslose selbstverantwortlich handeln (können), also die Hilfe zur Selbsthilfe zu fördern. Im Unterschied zur Wohnungslosenhilfe zeichnen sich Straßenzeitungen durch größere Flexibilität aus, beispielsweise ist weniger bürokratischer Aufwand nötig, um Ideen zu verwirklichen. Diese Erfahrung war für den Sozialarbeiter beim Wohnungslooser ein Grund sich zu engagieren., z. B. um vergleichsweise unkompliziert Wohnraum anzumieten. Mit niedrigschwelligen Angeboten und Öffentlichkeitsarbeit verwirklichen Straßenzeitungen Forderungen aus der Wohnungslosenhilfe. Dennoch kann eine Straßenzeitung für den einzelnen keine langfristigen Perspektiven bieten. Jedoch haben Straßenzeitungen ein aktivierendes Moment (wie in 4.3.4 , 4.4 und 4.4.5 ausgeführt). Weitere Projekte sind insofern von Bedeutung, als daß deren Finanzierung die Notwendigkeit hoher Verkaufszahlen verschärft. Damit werden die Straßenzeitungen, die auf Verkauf angewiesen sind (also fast alle), noch stärker marktwirtschaftlichen Zwängen unterworfen, um den Fortbestand und den Zusatzverdienst für VerkäuferInnen zu sichern. Diese Notwendigkeiten könnte Straßenzeitungen dazu veranlassen, sich einem weiten Publikumsgeschmack anzubiedern, um ausreichende Verkaufszahlen zu erreichen. Oder - wie wichtig sind Kreuzworträtsel für die Wohnungslosenhilfe? (vgl.dazu auch 4.6.4 und 5.3.2) Während das Sozialhilferecht Selbsthilfe auf materielle Sicherung bezieht, leisten nach Pankoke leisten öffentliche Sozialdienste Hilfe zur Selbsthilfe. Pankoke meint dies im Sinne der Stabilisierung und Reaktivierung geschwächter primärer Lebenskreise, auch durch Anregung, Förderung, und Begleitung "künstlicher" Kontexte einer Selbstorganisation von Selbsthilfe.[178] Dies könnte auch auf die Unterstützung von Straßenzeitungen bezogen werden. Da die Erscheinung der Straßenzeitungen in Deutschland noch recht jung ist, ist noch nicht abzusehen, inwiefern deren kontinuirliche Existenz gesichert ist. Eindeutig gesichert ist diese unter den hier vorgestellten Zeitungsinitiativen nur bei dem Dach, im Sinne einer personellen Kontinuität durch die SozialarbeiterInnen der Tagesstätte. Allerdings ist auch noch nicht klar, ob Das Dach Sprachrohr von Wohnungslosen oder der Tagesstätte oder beides wird. Bei ehrenamtlich getragenen Projekten wie dem TagesSatz und dem Wohnungslooser ist die Gefahr gegeben, daß bei einem eventuellen Rückzug von MitarbeiterInnen kein Ersatz gefunden wird. Für alle Projekte gilt aber, daß die Finanzierung gesichert sein muß, um die Kosten zu decken. Eine Übernahme von Kosten durch Mittel der Wohnungslosenhilfe, z. B. während der Sommerflaute, wäre sinnvoll, um den Fortbestand der Zeitungen zu sichern. Der festgestellte Übergangscharakter von Straßenzeitungen (4.1.2.1) heißt auch, die durch staatliche oder freie Träger organisierte Wohnungslosenhilfe in die Pflicht zu nehmen. 5.3.3 NiedrigschwelligkeitDas Arbeitsangebot der Straßenzeitungen ist - beispielsweise im Vergleich zu den Anforderungen bei Arbeitszuweisung durch die Sozialämter - niedrigschwellig. Wohnungslose können selbst entscheiden wie oft und wie lange sie tätig sein möchten. Andererseits gilt es teilweise (Hinz & Kunzt, TagesSatz), die Verkaufsregeln zu beachten, die als "Ausschlußkriterien" wirken könnten. Das niedrigschwellige Angebot von Straßenzeitungen führt zur Kontaktaufnahme, auch mit Wohnungslosen, die das offizielle Hilfesystem meiden, so die Erfahrung von Hinz & Kunzt (vgl. 3.1.6). Es scheint, daß die Hemmschwelle geringer ist - man kommt ohnehin wegen der Zeitung. Kontakte zu KollegInnen und KäuferInnen könnten den "Begegnungen", wie in §11 VO zu § 72 BSHG gefordert, entsprechen. Die Vorteile eines niedrigschwelligen, mehr lebensweltorientierten Angebots hat auch die Sozialarbeit erkannt und versucht dies z. B. durch Teestuben oder Streetwork umzusetzen. Wenn Straßenzeitungen den Zugang zu Kunden eröffnen, könnte die professionelle Wohnungslosenhilfe dies nutzen: Zum Beispiel wie in Hamburg, wo der bei Hinz & Kunzt beschäftigte Sozialarbeiter die Verbindungen aufrechterhalten oder Hilfesuchende weiterleiten kann. 5.3.4 ÖffentlichkeitsarbeitWie Öffentlichkeitsarbeit, die im Interesse der Wohnungslosen agieren, d. h. parteilich sein will, NICHT sein darf, faßt Henke zusammen: "Die Inhalte dieser Öffentlichkeitsarbeit unterscheiden sich allerdings von den Bedürfnissen der Medien, die entweder Wohnungslose für ein bißchen Katastrophenstimmung bei uns gebrauchen..., oder sie dazu benutzen, uns die Welt durch ihr Elend versöhnlicher zu machen, dies vornehmlich in der Weihnachtszeit, wenn wir beispielsweise teilhaben dürfen an der Freude arme MitbürgerInnen beim Empfang ihrer Geschenke. Das ist obszön. Ein nicht so kontinuierliches Bedürfnis der Medien, aber genauso ärgerlich sind die Stories für das Kleinbildungsbürgertum, also die Geschichten von der Freiwilligkeit der wohnungslosen Existenz, vom Mythos des Aussteigers."[179] Der Vorwurf des "Spendenjournalismus" bei sich selbst tragenden Straßenzeitungen z. B. im Hinblick auf die bewußt positiven Berichte bei Hinz & Kunzt oder Spendenaufrufe zur Unterstützung von Projekten beim Wohnungslooser kann in zweierlei Hinsicht bewertet werden: Das Helfermotiv von KäuferInnen oder die Leistungsbereitschaft von Wohnunglosen als Teil der Marketingstrategie zu verwenden, könnte so verstanden werden, daß hier nur eine publizistische Lücke gefüllt wurde. Spenden, Werbe- und Verkaufseinnahmen, denkbar wäre zukünftig auch Social Sponsoring, erschlössen lediglich ein weiteres Betätigungsfeld für Sozialarbeiter. Andererseits ist es gerade die Unabhängigkeit von etablierten Institutionen der Wohnungslosenhilfe, welche es ermöglicht, auch an gewachsenen Strukturen der Sozialpolitik Kritik zu üben. Ein ehrenamtlich mitwirkender Sozialarbeiter des TagesSatz erfuhr größere Handlungsfreiräume als in seiner Funktion als Angestellter im öffentlichen Dienst. Auch auf Werbekunden ist falsche Rücksichtnahme nicht angebracht. Im Gegensatz dazu hat die Tagesaufenthaltsstätte in Chemnitz erkannt, wie hervorragend sich das Medium Zeitung als Teil der Öffentlichkeit eignet. Gewährleistet werden muß, daß Wohnungslose sich in dieser Zeitung wiederfinden. Sozialarbeiter können aber wichtige übergreifende Informationen beitragen. Aber auch unabhängig von sozialen Institutionen entstandene Straßenzeitungen können die Wohnungslosenhilfe bereichern. Sicher ist es unmöglich, ein Organ der Öffentlichkeitsarbeit zu schaffen, mit dem sich als legitimer Interessensvertretung alle Wohnungslosen identifizieren können. Wohl aber sollte gewährleistet sein, daß das Angebot, sich zu äußern, jeder und jedem offensteht. 5.3.5 VernetzungAls Einstieg in gesellschaftliche Reintegration ist der Zeitungsverkauf geeignet. Hinz & Kunzt sowie der Wohnunglooser versuchen darüberhinaus, weitergehende Möglichkeiten zu eröffnen, sei es durch die Schaffung von Arbeitsplätzen, Wohnmöglichkeiten oder Beratung. Diese beiden Straßenzeitungen zeichnen sich durch eine relativ hohe Auflage aus, so daß der finanzielle Spielraum auch größer ist. Straßenzeitungen wie diese, mit ihren ergänzenden Angeboten, stellen eine Subkultur im Hilfesystem dar, die jeweils für die VerkäuferInnen zuständig ist. Bildet sich hier ein "künstliches Netzwerk"? Wie bereits ausgeführt, können Straßenzeitungen aus finanziellen und personellen Gründen nur begrenzt Hilfe leisten. Umso wichtiger ist eine Vernetzung mit Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe. Dort gibt es größere Ressourcen, sowohl personell als auch finanziell. Hier sind z. B. die Arbeitsämter gefragt, die unterstützende Fortbildungen oder sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze speziell für die Gruppe der Wohnungslosen fördern könnten oder Schuldner-, Sucht- und Lebensberatung, um den Beratungsbedarf zu decken. Neben dem Nutzen von ergänzenden niedrigschwelligen Angeboten, kann die professionelle Wohnungslosenhilfe in noch einem anderen Bereich von den Ideen und der Arbeit der Straßenzeitungen profitieren. Straßenzeitungen dringen vermutlich in weitere Bevölkerungskreise vor, als z. B. der Jahresbericht einer sozialen Einrichtung. Die Publikationen können daher ein Medium sein um eigene Dienste und Angebote vorzustellen und zu bewerben, wie es bei dem Dach der Fall ist. Somit stellen die neuen Initiativen keine Konkurrenz oder einen Ersatz, sondern eine Bereicherung zu sonstigen Angeboten dar. 5.5 ZusammenfassungGrundsätzlich sind die Zeitungsinitiativen aus Sicht der Wohnungslosenhilfe begrüßenswert. Sie zeigen Versorgungslücken, nicht nur der niedrigschwelligen Arbeitsangebote, sondern auch der Möglichkeiten zur Begegnung auf. Insgesamt können sie - als überschaubarer Verein oder GmbH - in der Regel flexibler und unbürokratischer reagieren. Zudem bieten sie das Potential zur alternativen, parteilichen Berichterstattung, einer "Fachzeitung für Wohnungslosigkeit", können somit eine politische Macht darstellen, die auch von Einrichtungen der Wohunungslosenhilfe genutzt werden kann, wenn ein Informationsaustausch gewährleistet ist. Dabei könnte die Wohnungslosenhilfe regional Angebote koordinieren, ohne die Unabhängigkeit der jeweiligen Zeitung anzutasten. Straßenzeitungen stehen gleichberechtigt neben anderen Initiativen und tragen zur Vielfalt der Angebote bei. Auch ist die Wohnungslosenhilfe dann in der Pflicht, wenn die Zeitungen ihre Leitstungsgrenze erreicht haben. Beispielsweise erhält die Wohnungslooser-Mannschaft keine Unterstützung für ihr Bauprogramm obwohl Pilotprojekte ähnlicher Art, z. B. Bewohner-Baugenossenschaften (Neues Wohnen Saar) gefördert wurden.[180] Viele kleinere Projekte, die von regionaler Bedeutung sein können, müssen staatlicherseits unterstützt werden. Dies könnte entweder aus Mitteln der Wohnungslosenhilfe oder des Sozial- bzw. Arbeitsamtes erfolgen. Straßenzeitungen können kritisch oder provokativ sein, sie können Anstöße und Ideen geben, in jedem Fall bringen sie Bewegung in die Wohnungsloordnen. Insbesondere soll dies anhand der folgenden Aspekte erfolgen: Wo können Straßenzeitungen Lücken in der professionellen Wohnungslosenhilfe füllen, wo liegen ihre Chancen, was können sie leisten, wo liegen ihre Grenzen? Der zweite Schwerpunkt, der im Rahmen dieser Diplomarbeit untersucht wird, ist die Rolle der Sozialarbeit[181] (Kapitel 6). Hier sind vor allem Fragestellungen wie die folgenden von Bedeutung: Welche Einsatzmöglichkeiten und Aufgaben für SozialarbeiterInnen gibt es im Zusammenhang mit eisenhilfe. Nicht vergessen werden darf, daß Wohnungslosigkeit das einzige gemeinsame Merkmal einer nicht homogenen Gruppe ist und deshalb sowohl verschiedene Sichtweisen haben kann, als auch der Auswahl zwischen verschiedenen Hilfsangeboten bedarf. 6. ROLLE DER SOZIALEN ARBEIT6.1 EinleitungWie im letzten Kapitel ausgeführt, kann die Wohnungslosenhilfe von der Existenz der Straßenzeitungen profitieren. Im folgenden wird umgekehrt dargestellt, welche Rolle SozialarbeiterInnen innerhalb eines Projektes übernehmen können, sowie welchen Service die soziale Arbeit bieten muß, um Straßenzeitungen im Interesse von Wohnungslosen zu unterstützen. 6.2 Mögliche Funktionen von SozialarbeiterInnen innerhalb eines ProjektsDie Formulierung "mögliche Funktionen" weist bereits daraufhin, daß eine Beteiligung von SozialarbeiterInnen nicht unbedingt als selbstverständlich vorausgesetzt/gesehen wird. Bei den vier vorgestellten Projekten wird die Rolle der mitarbeitenden SozialarbeiterInnen folgendermaßen beschrieben: Hinz & Kunzt engagierte einen Sozialarbeiter, nachdem sich ein Beratungsbedarf seitens der wohnungslosen VerkäuferInnen offenbarte, der von den RedaktionsmitarbeiterInnen nicht gedeckt werden konnte (siehe 3.1.6). Die Zeitung Das Dach wird vom Chemnitzer Tagestreff für Wohnungslose herausgegeben. Die dortigen SozialarbeiterInnen gehen davon aus, daß es leichter sei, Wohnungslose für ein Projekt zu gewinnen, wenn eine Bezugsperson vorhanden sei (siehe 3.4.6). Hingegen scheint beim Wohnungslooser vordergründig die spezifischen Leistungen der sozialen Arbeit nicht nötig. Wohl aber vertrat der Sozialarbeiter den Verein nach außen. Auch wird er als "Begleitperson" anerkannt (siehe 3.3.6). Beim TagesSatz wird deutlich formuliert, daß innerhalb der Zeitung keine sozialarbeiterische Arbeit geleistet werden soll (siehe 3.2.6). Schon an den vier Beispielinitiativen wird deutlich, daß verschiedene Formen der Beteiligung von SozialarbeiterInnen als passend empfunden wurden. Dies liegt möglicherweise an den unterschiedlichen Entstehungsbedingungen: Sowohl Hinz & Kunzt als auch das Dach entstanden auf Initiative von Einrichtungen der Wohnunglosenhilfe (Diakonisches Werk, AWO). Nach zweieinhalbjährigem Bestehen wurde Hinz & Kunzt aus finanziellen Gründen eine gemeinnützige GmbH. Beim TagesSatz entschied man sich von vorneherein, einen Verein zu gründen und sich nicht an eine Enrichtung anzugliedern. Bei dem Wohnungslooser ging die Initiative von Wohnungslosen aus, der Sozialarbeiter schloß sich an. Ein weiterer Grund für die unterschiedlichen Konzeptionen könnte auch die Größe darstellen: Während TagesSatz, Wohnungslooser, und Das Dach von einem kleinen, überschaubaren Team veröffentlicht werden, arbeiten bei Hinz & Kunzt insgesamt mehrere hundert Menschen. Es wäre vermutlich schwierig, auf ehrenamtlicher Basis, d. h. mit begrenzter Zeit, einige hundert Hilfesuchende zu beraten. Eine gewisse Grundtendenz der mir vorliegenden Informationen läßt jedoch einen allgemeinen Schluß zu. Ein bei einer Straßenzeitung mitarbeitender Sozialarbeiter darf keine Doppelfunktion von "Arbeitgeber" und "Betreuer" ausüben, nicht zu einer Kontrollinstanz werden. Er sollte nicht Anleiter, sondern Begleiter sein, d. h. als Ansprechpartner zur Verfügung stehen bzw. Hilfen vermitteln. Die Festanstellung eines Sozialarbeiters stellt z. B. Hinz & Kunzt auf eine Stufe mit dem Beratungs- und Hilfesystem der Wohnungslosenhilfe. Für einen Teil der Wohnungslosen ist hier ein Subsystem der Hilfe entstanden. Einerseits könnten Wohnungslose dadurch stärker an das Projekt gebunden werden, was dem Übergangscharakter widerspricht, andererseits könnte dadurch der Weg zur Nutzung höherschwelliger Maßnahmen geebnet werden. Aufgrund der oben angeführten Angaben bin ich zu der Einschätzung gekommen, daß es letztlich nicht unbedingt notwendig ist, einen Sozialarbeiter zu beschäftigen. Ein partnerschaftlicher Umgang unter Kollegen, ob diese SozialarbeiterInnen sind oder aus anderen Berufen kommen, trägt zu "natürlicheren" Beziehungen bei (vgl. 4.5.1). Allerdings müssen Verbindungen zu Beratungsstellen bestehen, um dem Hilfebedarf zu entsprechen und den Zugang zu Informationen sicherzustellen. 6.3 VernetzungSoziale Einrichtungen können Straßenzeitungen in dreifacher Hinsicht unterstützen (vgl. auch 5.3.5): Materielle Unterstüzung Weiter könnten Räumlichkeiten, sowie Telefon oder Fax zur Verfügung gestellt werden. Auch Ideen und Initiativen, die über die eigentliche Zeitung hinausgehen, müßten aufgegriffen und (mit-)organisiert und finanziert werden. Persönliche Unterstützung Strukturelle Unterstützung Auch könnten gemeinsame "Aktionen" geplant werden. Konkret könnten dies Aktionen wie die "Nacht der Wohnungslosen" oder Stände auf (Stadteil-)Festen sein, um auf Wohnungslosigkeit aufmerksam zu machen und die eigenen Angebote vorzustellen. Auch Beiträge zur Veröffentlichung wie z. B. Vorstellung der eigenen Arbeit oder aktuelles politisches Geschehen, könnten eingebracht werden. Alle Formen der Zusammenarbeit erfordern einen regelmäßigen Austausch 6.4 Konformität oder Kritik - vom Selbstverständnis der sozialen ArbeitDas Ziel der sozialen Arbeit ist, daß Menschen idealerweise unabhängig von institutionalisierter Hilfe leben können[182]. Dabei ist es sinnvoll, zunächst von den Möglichkeiten auszugehen, die zur Verfügung stehen - personell, finanziell und rechtlich, d. h. sozialintegrativ zu wirken, die Hilfe also auf Anpassung und Eingliederung auszurichten[183]. Straßenzeitungen wirken bis jetzt eher systemkonform: sie müssen sich marktwirtschaftlich behaupten. Auf eine mögliche Zweiklassengesellschaft von Wohnungslosen wurde bereits mehrfach hingewiesen, dies könnte einem Sozialabbau den Weg bereiten, mit der Begründung "wer will, der kann", Selbsthilfe genügt. Soziale Arbeit übte dann aber nicht mehr als eine Alibi-Funktion aus, die den gesellschaftlichen Status Quo stabilisiert. Es müssen langfristige Perspektiven entwickelt werden, d. h., soziale Arbeit muß sich einmischen, auch über ihre Grenzen der Zuständigkeit hinaus. Dabei könnten Straßenzeitungen für diese übergreifende Eimischung genutzt werden, indem sie konzentrierte Forderungen stellen, systemkritisch werden. 6.5 ZusammenfassungWo die Beteiligung von SozialarbeiterInnen innerhalb eines Zeitungsprojektes erwünscht wird, sollten diese die Funktion eines/einer AnsprechpartnerIn übernehmen. Erscheint die unmittelbare Mitwirkung von SozialarbeiterInnen nicht notwendig, sollten Kontakte zwischen Straßenzeitung und Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe bestehen, um hilfesuchende wohnungslose MitarbeiterInnen betreuen zu können. Weiter sollten Einrichtungen der sozialen Arbeit nach ihren Möglichkeiten materielle und strukturelle (z. B. Koordination von Angeboten) Unterstützung bieten. Dafür reicht es nicht, sich mit dem Vorhandenen zu bescheiden, vielmehr müssen Forderungen an die Politik gestellt werden, beispielsweise, um Ressourcen effektiver einzusetzen und sich auch kritisch mit dem eigenen Hilfesystem auseinandersetzen. 7. RESÜMÉE UND SCHLUSSFOLGERUNGEN7.1. Von, für oder über Wohnungslose? 7.2. Beteiligung von Wohnungslosen Auch sollten Erfahrungsberichte von Wohnungslosen nicht nur eine Randerscheinung der Berichterstattung sein. Wo die verbalen Ausdrucksmittel fehlen, kann diese Aufgabe auch im Team gelöst werden. 7.3. Nutzen für Wohnungslose 7.4. Berichte über Wohnungslose Diese Leitprinzipien treffen bei den hier vorgestellten Straßenzeitungen nur bedingt zu. In Hinz & Kunzt erfährt man wenig über Wohnungslose und ihre Lebenswelt. Auch wird die redaktionelle Beteiligung Wohnungsloser zugunsten eines Stadtmagazins mit hoher Auflage zurückgestellt. Da die vergleichsweise rare Beteiligung Wohnungsloser inzwischen als Manko anerkannt wurde, bleibt die weitere Entwicklung abzuwarten. Da der Wohnungslooser von (jetzt ehemaligen) Wohnungslosen gegründet wurde, dominieren hier keine "Professionellen". Allerdings beläßt der Wohnungslooser eine etwaige Regelung mit dem Sozialamt stillschweigend den einzelnen ZeitungsverkäuferInnen. Auch der TagesSatz scheint fast alle von mir aufgestellten Kriterien zu erfüllen, jedoch fehlen Wohnungslose im Vereinsvorstand. Das Dach zum jetzigen Zeitpunkt zu bewerten fällt schwer, anzumerken ist, daß in der einzigen "neuen" Ausgabe keine Berichte von Wohnungslosen vertreten waren. Diese gewachsenen Strukturen sind zu respektieren. Die regionalen Gegebenheiten und Anforderungen sind unterschiedlich und müssen berücksichtigt werden. Es ist daher nicht möglich, ein allgemeingültiges Konzept zu entwickeln. Anregungen und Kritik dienen aber der Weiterentwicklung der Identität dieser Projekte. Einrichungen der Wohnungslosenhilfe sind gefordert aufzugreifen, was bereits vorhanden ist und materielle und personelle Unterstützung zur Weiterentwicklung zu geben. Sinnvoll wäre eine koordinierende Stelle oder regelmäßige Treffen zum Austausch zwischen Straßenzeitung und MitarbeiterInnen der Wohnungslosenhilfe. Unabhängig davon, ob eine Zeitung an eine soziale Einrichtung angeschlossen ist, sie bietet die Möglichkeit, auf mehreren Ebenen zu arbeiten. Kurzfristig verschafft sie Wohnungslosen ein Einkommen, langfristig können sie Sprachrohr Wohnungsloser und wirksames Mittel der Öffentlichkeitsarbeit durch Aufklärung sein. 7.5. Unterschiede zulassen Wie läßt sich gewährleisten, daß der Spagat zwischen wirtschaftlichen und sozialen Anliegen nicht zu Lasten der Wohnungslosen geht? Wirtschaftliche Unabhängigkeit, auch durch Werbeeinnahmen und Spenden, wird diese Freiheit genutzt? Sie wirken mit ihrer Ausrichtung auf das Individuum bis jetzt eher systemkonform und gesellschaftlich stabilisierend, sie wirken nicht auf Änderung der Bedingungen (TEILWEISE) |
| < Zurück |
|---|

drstefanschneider.de









