| Dem eigenen Weg vertrauen - Besuch bei Rozbrat, Poznan, Polska 2010 | | Drucken | |
|
Wer ein Besetzerprojekt besuchen möchte, erwartet eigentlich ein großes, etwas heruntergekommenes Haus. So auch ich. Stattdessen sieht die Gegend links von der ulica Kazimierza Pułaskiego 21a in 60-607 Poznan, Polen eher aus wie eine Kleingartenkolonie. Es ist auch eine Kleingartenkolonie. Und wäre nicht gerade einer, der eher nicht wie ein typischer Kleingärtner aussah, in jenen unscheinbaren unbefestigten Weg eingebogen, wir hätten das Rozbrat Projekt im ersten Anlauf glatt überlaufen.
Offenbar werde ich erwartet, knapp begrüßt und durch eine große, offen- und leerstehende Baracke hindurch in einen anderen Winkel des Geländes geführt. In einer kleinen Baracke stehe ich plötzlich in einer Küche, in der mehrere junge Menschen ein vegetarisches Essen vorbereiten. Wir sollen uns setzen. Nach einiger Zeit kommen P und L. P setzt uns einen Tee auf, und L. schlägt vor, dass wir uns draußen in Ruhe unterhalten könnten. Wir müssen nur die Stühle mitnehmen.
In Rozbrat leben fest 19 Menschen. Der eigentliche Personenkreis von Rozbrat ist aber viel größer, es gäbe genug Leute, die ausserhalb lebten und zum Arbeiten, für Projekte oder kulturelle Veranstaltungen oder Treffen ins Rozbrat kommen. Zu manchen Geburtstagen oder wenn bekanntere Bands spielten, würden mehrere hundert Leuten kommen. Für das Bandprogramm am heutigen Juni-Samstag-Abend im Jahr 2010 würde insgesamt mit 100 Leuten gerechnet. Die 19 ständigen Bewohner_innen leben kollektiv. Sie teilen sich eine Gemeinschaftsküche, aber sonst hätte jede_r bzw. die Paare ihre einzelnen Zimmer, ihren Privatbereich. Kontakte der Gruppe zu Wohnungslosen gibt es eher auf strategisch – systematischer Ebene. Seit Jahren wird einmal im Monat immer an einem Sonntag von der Gruppe Food Not Bombs ausserhalb eine Volksküche organisiert, zu der auch immer um die 50 Menschen kommen. Das sind Leute, die wirklich auf der Straße lebten. Vergangenen Winter haben sich zwei Leute in der unmittelbaren Nachbarschaft auf dem Gelände eine Unterkunft bebaut – mit primitivsten Mitteln. P. hat dem offenbar psychisch kranken, obdachlosen Pärchen in der schlimmsten Zeit ermöglicht, warmes Wasser vom Gelände zu holen und auch die Toilette mit zu benutzen. Aber grundsätzlich sind die Kulturen dieses anarchistischen, selbstorganisierten Kollektivs einerseits und der Menschen auf der Straße sehr unterschiedlich. Die von Rozbrat besetzten Baracken waren ursprünglich mal als Lagerort für ein Kaufhaus angelegt worden. Das wird später während der schnellen Führung durch das Gelände deutlich. Der Boden auf dem Gelände ist zu sehr kontaminiert, als dass ein Anbau von Obst und Gemüse ernsthaft in Betracht gezogen werden würde. Die Verpflegung erfolgt zu einem großen Teil nach dem Prinzip der Tafelbewegung. Das, was Supermärkte und Lebensmittelläden nicht mehr gebrauchen und aussondern, wird auf Verwertbarkeit hin überprüft und dann mitgenommen und für alle frei verfügbar ausgestellt.
Inzwischen hat es zu regnen angefangen. Der Baum, unter dem wir sitzen, fängt die Tropfen weitgehend ab. Ein Hund kommt und reibt zur Begrüßung seine Schnauze an meinem Knie. In zweiter Hund taucht auf, schwanzwedelnd aber ruhig. Beide Hunde trollen sich ins Grüne. Der Tee ist ausgetrunken, es wird langsam kalt und ungemütlich. Meiner Begleiterin A. fällt ein, dass in einer Stunde ihr Zug geht. Wir habe noch eine halbe Stunde (hätten wir gewusst, das der Zug dann tatsächlich beinahe drei Stunden Verspätung haben wird, hätten wir manche Diskussion noch weiter geführt und sogar noch etwas vom Konzert mit erlebt.) L. muss wieder an die Arbeit. P. gibt uns eine kurze Führung durch das Gelände. Überhaupt machen alle hier einen sehr sachlichen Eindruck und wirken unangestrengt beschäftigt. Ein Projekt für Gammler und Abhänger ist Rozbrat sicher nicht, und wenn, dann haben wir die gerade nicht gesehen. Direkt neben der Wohnbaracke ist eine kleinere, die als Siebdruck- und Plakatwerkstatt dient. P. selbst wohnt nicht in der Wohnbaracke, sondern etwas versteckt in den Bäumen in einem Bauwagen.
Etwas weiter hinten eine Art Hof, mit Sitzgelegenheiten zum Chillen und einer weißen Leinwand für public screens. Offensichtlich das Wohnzimmer für gemeinsame Sommersonnenabende. Zwei Autos sehen wir noch, das üblich Gerümpel, Baumaterial, eine Galerieecke, viele, eigentlich sehr viele Grafittis. Eine Wand mit Veranstaltungshinweisen. Das Tor ist nicht ausgrenzend gemeint, und auch nicht kontrollierend. Es gäbe aber einige Leute, die wären nicht erwünscht, Nazis zum Beispiel. Polnische Nazis. Zwei von deren Aufklebern hatte ich heute Vormittag in der Poznaner Innenstadt entfernt. Trotzdem sei aber jeder, der kommen will, auch willkommen, die einen Pennplatz gäbe es im Zweifelsfall auch. Rozbrat sei ja schließlich auch nicht irgendein Ort, sondern als anarchistisches Zentrum in Polen in den einschlägigen Kreisen wohl bekannt, aber auch in über die Grenzen Polens hinaus in Europa. Kontakte zu wichtigen anderen squats in Europa und anderen anarchistischen Gruppen bestehen und werden gepflegt. Viele Fragen bleiben offen. Aber ein Eindruck bleibt, ein Gefühl von großer Gelassenheit, großer Selbstverständlichkeit, aber auch von dem ernsthaften Bemühen und der ehrlichen Arbeit an einer Welt, die anders sein kann als dass, was wir gemeinhin kennen. Stefan 14.06.2010
|
|||
| Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 22. Juni 2010 um 00:35 Uhr |


Das Gelände selbst gehört zu Teilen der Stadt, aber auch einem privaten Investor, der es als Spekulationsobjekt nutzen und gewinnbringend verkaufen wollte. Aufgrund von Zahlungsschwierigkeiten des Investors liegt die Verwertungsmöglichkeit nun bei der Bank, die tatsächlich vor kurzem den Versuch unternommen hatte, dieses Objekt am Immobilienmarkt zu verkaufen. Der Vermeidungsstrategie des Rozbrat-Kollektivs bestand im Kern darin, durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit potentielle Investoren vom Kauf des Geländes abzuschrecken. Das klingt geübt, keineswegs aufgeregt. Für wenigstens ein Jahr ist erstmal Ruhe.


drstefanschneider.de









