| Schneider, Stefan: Dichtungen 026. Duisburg brennt II. 25.08.1985 | | Drucken | |
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DUISBURG BRENNT II Aus den offenen Gedärmen der gealterten Hure geschminkt nur auf den ersten Blick noch jugendlich schön sickert der sumpftrübe Eiter. In einer der Kapilaren, ganz unbemerkt, ohne Glanz an der Peripherie der großen Leistungszeit, körperlos keimt unter dem Schwarzen Tod die Moosrose heran. Und in der Spannung zwischen Verständnis und Unverständnis wächst sie herein in die Umarmung der Halbmondsommernacht, blau in blau und silbertreu. In dieser Nacht schuf Gott die Welt, wie Mikel Angelo es zeichnete, in dieser Nacht entlud sich knisternd die Spannung unendlichtausender Gewitternächte, in dieser Nacht umschlangen sich mit siebenunddreißig Armen krakengleich zwei Menschen und tauchten in den niagarafallartigen Sintflutrausch von Speichel, Sperma und den neunzehn anderen Körpersäften. Zärtlich der braunschwarze Schleier, die Quellen, Hügel, Kuppen und der Waldung, süffiges Küssen, Keuchen und schreien. In dieser Nacht wurde alles entfesselt, Generalamnestie der gefesselten Gefühle, bis auf den Gordischen Knoten. Doch noch bevor der Morgen graute wurde die Erde ihres Schatzes beraubt, ihrer Perle brutal entrissen. Und so, wie in jeder nullachtfuffzehn lovestory, endete die - erste und einzige Nacht - auf daß sie begann. So nahm ich noch einen Schluck Bier, steckte mir eine C/O an und betrat die Straßen der Nacht. Und was ich dort sah: Aus den offenen Gedärmen der gealterten Hure - geschminkt nur auf den ersten Blick noch jugendlich schön, sickerte der sumpftrübe Eiter. Die geöffnete Halsschlagader speite fontänenartig wahre Ströme , wahre Stöße schmutzigem Blutes an das Dach der Nacht. Wie die Reste des unendlichen Feuers, Lava und Erbrochenes glühend ausgebreitet, sich erhebend über dem Horizont: Die Nacht ward taghell - blutig - rot: Und ich wußte: Duisburg brennt. Duisburg brennt. Aber trotz alledem: Seit dieser Nacht liegt in Duisburg eine Hoffnung begraben, und es kommt der Tag, an dem die Rose den Asphalt durchbricht, upd alles wird neu! Und so, wie nach jeder Sintflut der Regenbogen scheint, so liegt seit jener Nacht mein Herz begraben in dieser Stadt. Stefan Schneider, 25.08.1985
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| Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 14. Dezember 2011 um 15:33 Uhr |

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