| 2005.11 - Indien – ein sehr persönlicher Sachbericht | | Drucken | |
Indien – ein sehr persönlicher Sachbericht
Seit 1987 beschäftige ich mich mit Armut und Wohnungslosigkeit. Seit 1994 stehe ich in verantwortlicher Position an der Spitze eines Selbsthilfevereins, den ich mit gründete. mob – obdachlose machen mobil e.V., Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband. Als einer von drei Vorstandsmitgliedern, immer ehrenamtlich, seit Anfang an mit geschäftsführenden Aufgaben.
Es gab Aufs und Abs. Immer mal wieder standen wir mit dem Rücken an der Wand, und es gab Gelegenheiten, da hielten wir uns für die Größten. Es gab Phasen, in denen alles wie von selbst von der Hand ging, und es gab Phasen, in denen die Batterien leer waren. Am liebsten alles hinwerfen. Etwas ganz anderes machen.
Bei all den Krisen wird im Grund deutlich: Wohnungslosenarbeit ist die für mich vorgesehene Aufgabe. Jeder Krise folgt ein neuer Aufbruch, aus jeder überstandenen Krise gehen wir gestärkt hervor. Ich legte dem DPWV und der Paritätischen Akademie meine finanzielle Situation dar, wie ich mit 345 Euro als Arbeitslosengeld II Empfänger wirtschaften muss, und bat um Hilfe. Ich bat darum, mir Partizipation an einem wichtigen Bildungsereignis zu ermöglichen und daß die Resultate langfristig Wirkung erzielen würde in meiner Arbeit in Berlin.
Stephan Wagner von der Paritätischen Akademie eine 2 jährige Ratenzahlung an, der DPWV ein Zuschuß von 1.000,00 Euro. Letzteres in Verbindung mit Eigenmitteln ermöglichte mir die vollständige Finanzierung der Reise ohne Ratenzahlung.Indien selbst war bizarr. Die Erkältung der letzten Tage auf der Reise, die ich auf die ständigen Wechsel zwischen Klimaanlage und heißer Aussentemperatur zurückführte, wuchs sich aus zu einer handfesten Bronchitis. Ich lag nach der Reise drei Wochen lang flach, musste Antibiotika schlucken und gegen die Hustenanfälle Codein. Für Sekunden wurde mir schwarz vor Augen. Eigentlich bin ich nicht der Typ, der schnell krank wird, und schon gar nicht so lange. Ein Hinweis, auf den Kulturschock, den ich erlebte. Ich bin noch nicht fertig mit Indien. Jetzt, mit fast drei Monaten Abstand, werde ich nicht mehr sagen, dass alles furchtbar war. Etwas bleibt, was mich bewegt. Was das ist, ist noch nicht sagbar.In diesem Sachbericht taucht das sachliche kaum auf. Die Reise hat so, wie geplant, stattgefunden. Wir haben die Orte, die Projekte, die Einrichtungen, die Tempel und Sehenswürdigkeiten, das Taj Mahal und das Red Ford in Agra tatsächlich besucht. Nahezu überall hatten wir kompetente Führer, und in den Projekten und Einrichtungen kompetente Gesprächspartner, die uns ihre Einrichtung vorstellten und durch die Räume führten, im laufenden Betrieb. Wir waren teilweise 12 und 14 Stunden am Tag unterwegs. Meine ersten Reaktionen waren: Indien ist furchtbar! Menschen, mit denen ich später sprach, bestätigten mir, dass Indien niemanden indifferent läßt. Entweder man liebt es oder man hasst es. „Pure Vernunft darf niemals siegen!“ – tocotronic. Was für ein Land gilt, das von Vernunft durchdrungen ist, scheint sich in Indien in Gegenteil zu verkehren. Mit Vernunft, ist das ungeordnete Chaos, die Menschentraube am Flughafen, nicht zu erklären. Britischer Linksverkehr ist das grundlegende Verkehrprinzip, mehr nicht. Überall hupt, knattert, klingelt, scheppert, quietscht es. Radfahrer, Motorrikschas, Motorräder, PKW, Busse und Laster aller Art. Alles ist im Fluß, ständig in Bewegung, schnell, aber nicht sehr schnell. Stephan und Radschisra haben sich umfassend um die Reisegruppe gekümmert. Es war ihnen anzumerken, dass es ihnen ein persönliches Anliegen war, dass es allen gut geht, daß niemand verloren geht, dass alle zurechtkommen. Radschisra hat viel telefoniert und organisiert, dass alle Termine funktierten, und nicht nur technisch. In unendlicher Geduld hat sie von morgens früh bis spät in die Nacht in ungezählten kleinen und größeren Gesprächskreisen versucht, die indische Kultur zu übersetzen in für uns verständliche Begriffe. Und Stephan dokumentierte mit seinem Fotoapparat für die ganze Gruppe sehr unspektakulär und mit dem Hang zur Vollständigkeit die Ereignisse der Reise. Mehr als 2.600 digital vorliegende Fotos sind so entstanden, eine Menge, die fast nicht mehr zu bewältigen ist. Die Redaktion des strassenfegers – der Straßenzeitung unter dem Dach des von mir mit geleiteten Vereins mob e.V. - wird im April 2006 eine Ausgabe machen zum Thema Indien. Die Ausgabe wird von Eberhard K. und mir koordiniert. Eberhard ist ein Politologe, der in unserer Redaktion soetwas wie der Fernostexperte ist. Ich erwarte gar nicht, dass damit meine Auseinandersetzung mit Indien abgeschlossen ist. Es ist noch nicht einmal klar, ob ich selbst dazu einen Beitrag schreibe, vielmehr wird sich eine ganze Gruppe mit dem Thema befassen. Aber diese Ausgabe wird ein erster Punkt sein, an dem Resultate, Wirkungen und Effekte dieser Reise in der konkreten Arbeit in Berlin sichtbar werden. Es gibt eine Ahnung, die bleibt. Die Ahnung, dass ich eines Tages wieder in Indien sein werde. Allein, mit Rucksack. Mit dem Willen, mich einzulassen auf den Rhythmus des Landes, mich tragen zu lassen von der Kultur, und mich auf einen Weg zu machen jenseits der Drei-Sterne-Hotels, der klimatisierten Busse, der abgeschirmten Gruppenreisen-Welt. In der Hoffnung, etwas mehr zu erfahren über einen Weg, wie Menschen miteinander leben. Ein Weg, der völlig anders ist als alles, was wir Europäer kennen. Ein Weg von dem ich seit dem November 2005 die Ahnung habe, dass es ihn gibt.stefan schneider, 21.02.2006 Nachtrag: Alle Fotos auf dieser Seite sind von Stephan F. Wagner, der die gesamte Reise beharrlich dokumentiert hat und die Fotos den TeilnehmerInnen zur Verfügung gestellt hat. Vielen Dank!
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